Jurassic Park des Südens

Am 3.2.2020, Südgeorgien

Mit einem einfachen Holzstock bewaffnet stehe ich mitten im Getümmel. Um mich herum hunderte und hunderte von Seebären, die böse in meine Richtung blicken, ihre Zähne zeigen, knurren, und hier und da einen Scheinangriff machen. Drei Meter neben mir baut sich ein Bulle auf. Er ist groß und schwer genug, dass er mich ohne Probleme überrennen könnte, und nur der Holzstock in meiner Hand hält ihn davon ab. Es ist, als wären um mich herum 200 Eisbären, die alle versuchen, einen Teil von mir zu ergattern. Selbst die kleinen Seebären kommen angelaufen, allerdings neugierig, und nicht zähnefletschend. Am schlimmsten sind aber eigentlich die Damen, die sich von hinten anschleichen, und es mit ihren Angriffen deutlich ernster meinen als die jungen Bullen, die den ganzen Sommer über schon jeden Kampf verloren haben und einfach kein Selbstvertrauen haben.

Das ist meine erste Begegnung mit Seebären. Robben. Nie hätte ich gedacht, dass man Angst vor Robben haben müsste. Für mich galten bis jetzt Robben als scheu, liegen mit ihren großen Kulleraugen auf Strandbänken oder Eisschollen, und sind verschwunden, bevor man überhaupt in ihre Nähe kommt. Doch Südgeorgien ist anders. Hier muss man sie freundlich fragen, ob man passieren darf, hier robben tonnenschwere Seeelephanten am Strand entlang, und sie alle zeigen deutlich ihr Revier, sollte man ihnen zu nahe kommen.

Das Adrenalin fließt durch meine Adern, in der Mitte dieser großen Kolonie von Seebären, gemixt mit Pinguinen, die in aller Ruhe entlangwatscheln. Ich habe noch 10 Minuten, um mich an diese für mich unbekannte Tierwelt zu gewöhnen, bis die ersten Gäste kommen, und ich als Guide natürlich überzeugend dastehen muss, als ob ich wissen würde, was ich tue.

Doch so langsam lerne ich die Seebären um mich herum kennen. Lerne sie einzuschätzen. Den Bullen muss ich im Auge behalten, und die eine Dame dort drüben, die anderen sind eigentlich super entspannt. Haben sich wieder hingelegt, die Augen geschlossen, und nur wenn man zu nah kommt, bäumen sie sich auf oder geben ein paar genervte Töne von sich. Die ersten Gäste kommen und gehen, hier und da muss ich die Gäste vor einem Seebären beschützen oder die Seebären vor ein paar Gästen, und mit den 10 Minuten mehr Erfahrung als sie mitbringen, schaffe ich es sogar, halbwegs überzeugend dazustehen. Über Radio fragt mich ein Kollege, ob bei mir alles ok ist mit den Seebären. "Yes, there is just one bull, but we are friends now."

Eigentlich ist es ziemlich cool, hier mitten in der Kolonie.

Das war meine erste Erfahrung von Südgeorgien. Mein erster Eindruck. Mein erster Strand im Jurassic Park, den ich wohl nie vergessen werde.

Nun, einige Strände und Anlandungen später bin ich deutlich entspannter. Anstatt des Stockes bin ich auch mit nur zwei Steinen zufrieden, die man aneinanderschlägt, und dessen Geräusch die Seebären nicht mögen. Selbst ein Strand voller Bullen war dann irgendwann okay, oder gastige Seebärinnen, die im Vollgalopp 100m weit auf einen zugerannt kamen, und meinten, sie müssten mal ein wenig herumstänkern. Doch trotzdem würde ich nur ungerne auf den Stock verzichten. Sicher ist sicher.

Mittlerweile habe ich die gastigen Seebären sogar lieb gewonnen, und bin deutlich lieber zwischen ihnen positioniert, als neben den doch irgendwie langweiligen - wenn auch eleganten - Königspinguinen.

An einem Strand allerdings hat uns die Zivilisation von ihrer negativen Seite wieder eingeholt. Am Rand der Welt, nach mehreren Seetagen, auf einer kleinen Insel, ohne irgendeinen bewohnten Ort, mitten im Ozean, hatten wir einen Seebären entdeckt, der einen Plastikring um seinen Hals hatte. Das traurige ist allerdings zu wissen, dass dieses Tier sterben wird, wenn es noch weiter wächst. Ein Kollege, der Erfahrung mit Plastik und Seebären hat, hat sogar versucht, es zu entfernen, allerdings verschwand die kleine Seebärin mitten in der großen Herde, ohne dass wir ihr helfen konnten. Wir haben den Fall natürlich an die Behörden weitergeleitet, und hoffen, dass sie sie finden und ihr helfen können.

Doch dies war für mich das erste Mal, dass ich ein wildes Tier gesehen habe, um das sich Plastik gewickelt hat. Ein erschreckender Anblick.

Südgeorgien ist ein ganz besondere Fleck auf unserem Planeten. Es ist wie eine andere Welt. Abgelegen, schwer zu erreichen, doch ich würde jedem, der zur Antarktischen Halbinsel fährt, empfehlen, einen Zwischenstopp in Südgeorgien einzulegen.

Südgeorgien. Sandstrände voller wilder Tiere, Pinguine, Robben, Vögel. Gletscher, die sich von den steilen Felsklippen bis ins Wasser stürzen. Grünes Tussock Gras, das sich in Büscheln die Hänge hinaufzieht, und in denen sich die Robben gerne verstecken. Seeelephanten, die ihre tonnenschweren Körper meterweit über den Strand ziehen.

Wenn man dann in die Berge wandern geht, ändert sich wieder alles. Als wäre es eine komplette zweite Insel. Aus den belebten Stränden werden verlassene Berghänge. Aus den hohen Grasbüscheln werden kleine Pflanzen, die dann auch wieder verschwinden und der Steinwüste Platz machen. Aus warmen Temperaturen werden kalte, man braucht Mütze und Handschuhe. Wir wandern den letzten Teil von Shackletons unwahrscheinlicher Überlebensstory, und das bei grandiosem Wetter. Sie haben damals die Berge Südgeorgien wahrscheinlich verflucht, wir haben sie geliebt.

Doch Südgeorgien ist unberechenbar. Während man an einem Tag Sonnenschein und ruhige See hat, brechen am nächsten die Wellen meterhoch am Strand. Die erste Anlandung mussten wir schon streichen, weil katabatische Winde in solch einer Stärke von den Bergen kam, dass sie sogar Wasser mitgerissen und in die Höhe gezogen haben.

Doch im Hintergrund ist die Pinguinkolonie, tausende und tausende von Tieren, die einfach gewohnt ihrem Alltag nachgehen, und die Naturgewalten von Südgeorgien erdulden.

Doch die Geschichte hat natürlich auch auf dieser Insel ihre Spuren hinterlassen. An der Ostküste gibt es mehrere alte Walfangstationen, die vor sich hinrosten, und in die die Tiere langsam wieder einziehen. Sie sind der letzte Beweis des blutigen Schlachtens der letzten Jahrhunderte. Ein kleiner Rest einer so großen Industrie.