Das Meer lebt

Am 20.1.2020, Südgeorgien

Der Ozean um uns herum bebt. Das Wasser ist in Aufruhr, doch es ist mehr, als nur der Wind und die Dünung. Ich höre die Fontäne des Wales, bevor ich sie rieche, bevor ich den Wal sehe. Er ist keine fünf Meter von unserem Schiff entfernt, kommt an die Oberfläche, und schießt fischiges Wasser in die Luft. Und dann ein zweiter Wal. Und ein Dritter. Der Zweite zeigt beim Abtauchen seine Fluke, seine wunderschöne Fluke. Schwarz oben, weiß unten, mit seinem individuellen Muster. Er taucht ein Mal unter unserem Schiff her, nur um auf der anderen Seite wieder aufzutauchen.

Wir haben zwei Forscher an Bord, die alle Wale zählen, die wir auf dieser Reise sehen. Doch es sind so viele Tiere um uns herum, dass sie ihre Arbeit aufgeben und ebenfalls mit Kameras an der Reling stehen. Um die 250 Buckelwale etwa, die um uns herum schwimmen und dabei Krill einsammeln. Hin und wieder kommt einer der Wale aus dem Wasser hervorgeschossen, springt in die Luft, um sich mit einem lauten Platschen und viel Spritzen wieder mit dem Ozean zu vereinigen.

Hin und wieder zeigt ein Wal nicht nur seinen Rücken, sondern auch seinen Kopf, und es ist manchmal, als würde er uns betrachten. Was das denn für seltsame Wesen sind, die da auf ihrer schwimmenden Metallinsel hertreiben. Ob wir die Tiere beobachten oder ob sie uns beobachten, manchmal ist es nicht allzu eindeutig. Doch dann scheint der Krill wieder wichtiger zu sein, und er taucht wieder ab, um nur ein paar Meter weiter wieder an die Oberfläche zu gelangen.

In der Ferne kann ich wieder zwei Wale entdecken, die aus dem Wasser herausspringen, ganz ohne Ferngläser. Und daneben tauchen mehrere auf und ab, manche zeigen ihre Flucken, manche ihre seitlichen Flossen, und schlagen damit aufs Wasser. Es ist, als wäre die Gravitation außer Kraft gesetzt und das Wasser des Ozeans versucht Richtung Himmel zu steigen. Gerade im Licht der Sonne heben sich die weißen Fontänen deutlich vom Himmel ab. Der Ozean lebt.

Mit der Zeit fallen uns die Unterschiede der einzelnen Wale auf. Natürlich sehen die Fluken anders aus, doch es ist noch mehr: Während der eine Wal grau-blass und mit einigen Narben an uns vorbeischwimmt, sind andere Wale tiefschwarz. Die Größe der Tiere unterscheidet sich, die Musterung an ihrem Kopf. Es ist so schön, so viele Wale auf einem Fleck zu sehen. Gerade wenn man an die letzten Jahrhunderte denkt. Unsere Gier nach Licht und nach Luxusprodukten hat die Wale hier im südlichen Ozean beinah ausgerottet. Nur ein paar hundert Paare waren noch übrig in dieser Population, wir hätten es beinah geschafft, diese wunderschönen Tiere hier unten auszurotten. Wahrscheinlich hat diese geringe Anzahl an Walen diese Tiere gerettet: Der Walfang war irgendwann nicht mehr rentabel, man hat sich anderen Gebieten und anderen Sektoren zugewandt. Und seitdem durften sich die Wale langsam wiederholen, und heute ist diese Population wieder etwa auf dem gleichen Stand wir vor der Zeit des großen Walfangs. Selbst mitzuerleben, wie viele dieser Tiere hier sich an einem einzelnen Ort versammelten ist etwas, das wohl keiner der Crew und keiner der Gäste je vergessen wird.