Norwegen

Hin und wieder führt mich mein Weg nach Norwegen, und dann meisten in den Norden, rund um Tromsø - denn hier gibt es die Wale zu beobachten!

Steigeisen, Seilmannschaft und Eisbären

Am 4.9.2018, Norwegen - Svalbard

Die erste große Exkursion des Studiums ist vorbei und trotz all der Erlebnisse und Erfahrungen, die wir gemacht haben, kann ich irgendwie immer noch nicht so richtig glauben, wirklich wieder in der Arktis zu sein. Es wird wohl doch noch ein paar Tage dauern, bis ich hier wirklich angekommen bin.

Doch unsere erste Tour war mehr als großartig. Mit drei Speedbooten und Polargirl, einem etwas größeren Schiff, sind wir hinaus gefahren zu unserem Ziel: Einem wunderschönen Gletscher im Westen Svalbards. Wir flogen beinah über die Wellen unserem Ziel entgegen, so ruhig erschien die Bootsfahrt in den mehr als komfortablen Booten. Ein bisschen anders als ich es aus Grönland gewohnt war: Diesmal hatten wir warme Anzüge gestellt bekommen, Brillen gegen den Wind, gepolsterte Sitze. In Grönland hingegen wurden wir auf deutlich kleineren, lange nicht so komfortablen Booten von jeder Welle durchgeschüttelt. Einmal mehr wird mir klar, dass man Grönland nicht mit Svalbard vergleichen kann. Beide Regionen bieten einzigartige Landschaften und unglaubliche Erlebnisse auf ihre ganz eigene Art, und beide gehören zur Arktis, aber sie sind doch so unterschiedlich, wie man es auf den ersten Blick gar nicht vermuten würde.

So kamen wir also am Gletscher an und wurden gleich von einer mehr als neugierigen Robbe begrüßt - und in Grönland wäre jetzt spätestens der Jagdinstinkt mit den einheimischen Jägern durchgegangen. Hier aber ist der Eisbär die größte Gefahr für die Robben. Und für uns Menschen. Noch bevor wir überhaupt Land betreten haben, haben wir nach Eisbären Ausschau gehalten, und uns mit Vorhut und Eisbärenwache versichert, dass uns auch während der Anlandung und dem Zeltaufbau kein weißer Jäger überrascht.

Unsere kleine Zeltstadt errichteten wir direkt am Strand, mit Blick auf den Gletscher mit seinen zahlreichen Rissen und Spalten - und das in der immerwährenden Helligkeit. Dabei hatten wir jeglichen Komfort, den wir uns wünschen konnten: Von Küchenzelten mit Ofen, Toiletten-Zelten, über gutes Essen bis hin zur wunderbaren Arktis direkt vor unserer "Tür". Lediglich der wiederkehrende Regen und am Ende der Wind waren etwas lästig - aber wozu sonst reist man in die Arktis, als um die Elemente der Natur zu spüren?

So wanderten wir jeden Tag zum Gletscher und lernten im wohl besten Klassenzimmer der Welt jeden Tag mehr und mehr dazu. Ob es nun um Techniken mit den Steigeisen ging, um Spaltenrettungen, oder das Gletscherwandern in der Seilmannschaft. Je mehr man dazulernt, desto bewusster wird einem, wie wenig man doch weiß, und wie viel es noch zu entdecken gibt - ob es um Knoten und Spaltenbergungen geht, oder um das Eis mit seinen Wasserkanälen, tiefen Spalten, seinem blauen und weißen Eis oder um Besonderheiten wir Gletschermühlen, wo riesige Wassermassen in ein scheinbar bodenloses Loch im Eis verschwinden. Da draußen gibt es viel zu entdecken und zu lernen - und diesmal war es so viel, dass ich sogar vergessen habe, Fotos zu schießen. Und das passiert nicht oft.

Hier oben in der Arktis muss man natürlich auch lernen, wie man mit der ständigen Gefahr der Eisbären umzugehen hat. Zu Anfang war es eher für uns Theorie mit Eisbärenwache rund um die Uhr, Stolperdraht um die Zelte herum und die Gerüchte, dass sich im Nachbarfjord ein Eisbär aufhalten soll.

Doch irgendwann wurde die Gefahr dann realer: Auf der anderen Seite des Fjordes hatten wir an einem Morgen einen Eisbären entdeckt; ein winziger, weißer Fleck am Berghang, kaum zu sehen. Und im Laufe des Tages kam er natürlich zu uns herüber geschwommen, als gäb es eine heimliche Absprache zwischen unseren Lehrern und dem Eisbären, damit wir lernen, wie man professionell in so einer Situation handelt. Von zwei Schüssen mit der Signalpistole, über Kommunikation zwischen unseren Gruppen am Funkgerät, bis hin zu lauten Rufen und Klatschen, um den Eisbären zu vertreiben, war alles dabei. Und keine Stunde später sitzen wir gemütlich im Kreis in unserem Camp, reden über das, was eben passiert war, als einer unserer Lehrer mit dem Ruf "He is there" aufsteht und auf den nächsten Hügel zeigt, wo sich der Eisbär gerade gemütlich auf uns zubewegte.

In diesem Studium lernt man nicht graue Theorie, sondern Praxis, die man für sein gesamtes Berufsleben wohl noch brauchen wird.

Dieser erste Eisbär näherte sich zwar unserem Camp, war allerdings nicht wirklich an uns interessiert. Wir haben unsere Zelte eher in seinem Weg aufgebaut und so zog er in einem Bogen um uns herum, in den nächsten Fjord hinein.

Doch schon am nächsten Tag war der nächste Eisbär zu sehen: Auf der anderen Seite des Fjordes hatte er ein Camp von einer Touristengruppe entdeckt, und der Geruch von Essen hatte ihn wohl angelockt. Während die Gruppe also unterwegs war, hat er im Camp gewütet und jedes Zelt auf der Suche nach Essen zerstört.

Eigentlich hätten am nächsten Tag ca. 50 Kinder und Jugendliche aus Longyearbyen zu uns dazustoßen sollen, um für zwei Tage die Wildheit und Schönheit Svalbards erleben zu können. Doch dieser zweite Eisbär durchkreuzte unsere Pläne. Ein Camp mit so vielen Kindern an einem Ort zu errichten, wo ein Eisbär sein Unwesen treibt und Zelte zerstört, ist einfach keine gute Idee. So mussten wir also spontan umplanen, bekamen eine Bootstour mit kurzem Aufenthalt in der kleinen russischen Siedlung Barentsburg geschenkt und gingen mit den Kids auf Tagesausflüge von der Stadt aus. Anders als geplant, aber doch auch sehr schön.

Doch natürlich konnte es nicht anders kommen, und als wir mit dem Boot zum Gletscher fuhren, konnten wir schon von der Ferne aus zwei Eisbären ausmachen: Eine Mutter mit ihrem Jungen. Sie hatten noch einigen Abstand zum Gletscher, also begannen wir mit der ersten Gletschertour mit mehreren Seilmannschaften. Doch die beiden Eisbären kamen mit der Zeit näher und näher und wollten wahrscheinlich auf die andere Seite des Fjordes schwimmen - was bedeutet hätte, dass sie unseren Weg kreuzen müssten. Von uns Menschen genervt trieben sich die beiden dann auf einer Insel herum, vielleicht 200 oder 300 Meter von uns entfernt und haben wahrscheinlich Stoßgebete zum Eisbärengott gesandt, dass diese blöden Menschen doch bitte schnell verschwinden würden. Was wir dann auch taten. Denn die Eisbären sind hier einfach die Herrscher dieses Landes.

Innerhalb von fünf Tagen haben wir vier Eisbären gesehen - mal sehen, was uns das Jahr über noch alles erwartet.