Norwegen

Hin und wieder führt mich mein Weg nach Norwegen, und dann meisten in den Norden, rund um Tromsø - denn hier gibt es die Wale zu beobachten!

Orcas beim Fischfang

Am 4.1.2019, Norwegen

Die letzten beiden Wochen habe ich nun doch schweren Herzens Svalbard verlassen, um eine Expeditionskreuzfahrt in Nordnorwegen zu begleiten. Wobei Kreuzfahrt gleich ein falsches Bild aufkommen lässt, schließlich handelte es sich um einen rustikalen, 31 Meter langen alten Hochsee-Trawler, der zum Expeditionsschiff für maximal 12 Gäste umgebaut wurde. Genau die richtige Gruppengröße für meinen Geschmack.

Mit einer Schiffsbesatzung von fünf Mann, sowie dem Expeditionsleiter und mir als Team und 10 bzw. 12 Gästen sind wir also zwei Mal hinausgefahren, in die wunderschönen Fjorde Nordnorwegens, immer auf der Suche nach Walen und Polarlichtern.

Denn gerade hier oben strömen um diese Jahreszeit die Heringsschwärme in die Fjorde, und dem Hering folgen die Wale und natürlich die Orcas. Freie, wild lebende Orcas, nicht wie in Sea World, wo sie nur ihre drei Bahnen schwimmen können. Hier gehört ihnen der Ozean. Und irgendwie hat es tatsächlich etwas wunderschönes aber zugleich etwas beklemmendes, das schwarze Schwert des Orcas durch die Wellen schneiden zu sehen, gerade wenn es genau auf einen zugeschwommen kommt. Da ist man froh, nicht in einem kleinen Zodiac oder Holzboot zu sitzen, und doch das etwas "größere" Boot unter den Füßen zu haben.

Das Highlight der ganzen zwei Wochen war mit Abstand die Orcas, die einen Fischkutter begleitete, der in aller Ruhe seine Netze einholte. Wo Fischer sind, sind auch oft Orcas, denn wer lehnt schon eine Mahlzeit ab, wenn sie einem auf dem Silbertablett geliefert wird? So hatten wir die unglaubliche Gelegenheit über mehrere Stunden lang den Orcas dabei zuzusehen, wie sie um das Fischnetz herumschwammen, immer auf der Jagd nach Fischen. Mal stößt hier eine Rückenflosse durchs Wasser, mal dort, und dann wieder sind auf ein Mal fünf Stück gleichzeitig zu sehen. Vom großen Männchen bis zum Jungtier war alles dabei, während hunderte von Möwen und sogar eine Handvoll Seeadler über dem Wasser kreisten. Im Hintergrund dann die Berge, die im geheimnisvollen Licht nordnorwegischen der Polarnacht leuchten.

Ein Spektakel, dass man nicht ansatzweise in Worte fassen kann. Manchmal kamen die Tiere auch so nah ans Boot heran, dass man fast glaubte, sie berühren zu können, und wenn man durch das Wasser hindurch ihre weißen Flecken erkennen kann, und kurz darauf der Kopf durch die Wasseroberfläche stößt und der Orca eine Wasserfontäne in den Himmel pustet, dann versteht man ein wenig mehr zu schätzen, dass solche eleganten und wunderschönen Tiere in Freiheit gehören.

Wenn ihr Verhalten beim Fischfang nun doch nicht hundertprozentig natürlich war - schließlich nutzen sie einfach die Fischer aus und jagten nicht in ihrem natürlichen Stil - so wunderschön war es trotzdem sie zu beobachten. Es ist unglaublich, wie schnell die Orcas durch das Wasser gleiten, und gerade wenn sie wieder ein paar Fische fangen, schwingt ihre Rückenflosse schnell nach rechts und links und wirbelt das Wasser rundherum regelrecht auf. Es ist eine Ehre, so etwas sehen zu dürfen und wieder einmal frage ich mich, wie viele Geheimnisse und Erfahrungen diese Welt noch zu bieten hat.

Mit den Orcas kommen oft auch die Buckelwale. Während die Orcas rasend schnell durch das Wasser gleiten, gehen es diese Riesen ein wenig gemütlicher an. So haben wir einige Tiere gesehen, die in aller Ruhe sich an der Oberfläche treiben ließen, entspannt ihre Fontänen in den Himmel stießen und dann nach langer, langer Zeit abgetaucht sind, natürlich nicht ohne ihre einzigartigen Schwanzflossen zu zeigen. Schaut man genau hin oder schafft es, ein gutes Foto von solch einer Flosse zu schießen, dann ist es sogar möglich, daran einzelne Individuen zu identifizieren! Allein dieses Wissen macht aus den namenlosen und doch irgendwie gleich aussehenden Riesen auf ein Mal Individuen, mit eigenen Persönlichkeiten und beinah gibt man ihnen schon Namen, wenn sie wieder einmal am Horizont auftauchen.

So waren wir also in den verschiedenen Fjorden unterwegs, mal in den riesigen Fjorden, mal in engen, nur begrenzt von kleinsten Ortschaften und natürlich den Bergen, die sich in der langen Nacht in grau, blau, weiß und schwarz vom Wasser und Himmel abhebten. Da kommt gleich der Wunsch auf, im Sommer wiederzukommen, und mit dem Kajak diese Gewässer in der Mitternachtssonne zu erkunden. Denn wieder einmal zeigt sich der Norden von seiner rauen, aber gleichzeitig atemberaubend schönen Seite.

Doch natürlich war uns das Wetter nicht immer gut gesonnen. Hin und wieder gerieten wir in schlechteres Wetter, was natürlich mit Schnee und etwas mehr Wellengang daherkommt. Gerade der erste Sturm ließ unser Boot ziemlich durchschaukeln, und so bekamen wir zwei Stunden kostenlose Achterbahn geschenkt - allerdings mit dem Haken, dass man zwischendurch nicht aussteigen kann. Wenn die Gäste auf dem Boden liegen oder über der Toilette hängen, wenn die Becher vom Tisch fallen, das Wasser aus der Vase schwappt und die Möbel und selbst der Teppich durch den Raum rutschen, dann weiß man, dass da draußen die See doch nicht ganz ruhig ist.

Doch gleichzeitig ist es ein wunderbares Erlebnis: Nach nur ein paar Sekunden an Deck ist man komplett durchnässt, weil einem von allen Seiten Wasserfontänen begegnen, und manche Fontänen schwappen sogar bis hoch an die Brücke... Besser, bei so einem Wetter drinnen zu bleiben und das Spektakel aus dem Fenster zu genießen.

In solchen Momenten unterscheiden sich richtige Seemänner von den "Neulingen". Während ich einmal durch den Raum geschleudert wurde, von einer Seite des Bootes zur Anderen und nur mit Mühe und Not auf den Beinen blieb, stand unser erster Offizier und Machinist total entspannt in der Mitte des Raumes, glich in einer unglaublichen Präzision die Bewegungen des Schiffes aus und checkte natürlich in aller Ruhe Facebook. Besser als in jedem Kino.

Und bei unserer zweiten Tour hatte wir eine 80-jährige Dame an Bord, die alle Jüngeren weit hinter sich ließ: Sie stand lächelnd am Fenster und ihr einziger Kommentar nach dem Seegang war: "Endlich etwas Action", während die Anderen langsam und bleich aus ihrer Kabine gekrochen kamen!

Zwischen dem Wellengang und den Walen landeten wir aber natürlich auch hin und wieder an kleinen Ortschaften an, gingen auf Spaziergänge im Schnee, mit und ohne Schneeschuhe, feierten Silvester auf einer kleinen verlassenen Insel im Nirgendwo und genossen natürlich die Zeit auf dem Boot. Und natürlich muss ich ein riesiges Dankeschön an die Crew loswerden, dass sie mich so herzlich aufgenommen haben und mir in Ruhe die Arbeit an Bord gezeigt und erklärt haben - und selbst Zodiac durfte ich fahren! Neue Gegenden von einem Boot aus zu erkunden hat tatsächlich einen Reiz, den andere Fortbewegungsmittel kaum aufbringen können, und man gelangt an Orte, die anders nur schwer oder gar nicht zugänglich wären.

Doch nun geht auch diese Zeit vorbei - viel zu schnell. Und mit einem weinenden und einem lachenden Auge muss ich mich nun von Nordnorwegen, dem Schiff, der Crew und den Gästen verabschieden, denn nun geht es wieder zurück nach Svalbard - in ein neues Jahr voller Erlebnisse und Abenteuer!