Norwegen

Hin und wieder führt mich mein Weg nach Norwegen, und dann meisten in den Norden, rund um Tromsø - denn hier gibt es die Wale zu beobachten!

Eine Siedlung in der Arktis

Am 14.8.2018, Norwegen - Svalbard

Eigentlich lautet mein Grundsatz, bei jedem neuen Aufbruch etwas weniger mitzunehmen als beim vorangegangenen. Die Sachen, die man beim letzten Mal nicht gebraucht hat, bleiben zurück. Soweit der Plan. Tatsächlich sieht es nun aber so aus, dass ich mit so viel Gepäck reise wie noch nie zuvor in meinem Leben. Ein Rucksack, eine Skitasche, ein Fahrrad, der Laptop, und Handgepäck. So viele Sachen, dass ich sie gar nicht alleine tragen kann, sondern wieder und wieder auf die Hilfe anderer oder auf die klassischen Wagen am Flughafen angewiesen bin.

Doch irgendwie bringt man dann auch diese Reise hinter sich, inklusive einer Nacht am Osloer Flughafen, versteht sich. Und schon saß ich im Flieger, mit Landeanflug auf Longyearbyen, der wohl nördlichsten Stadt der Welt.

Als der Flieger über den westlichen Teil der Insel schwebte, kam mir nur ein einziger Gedanke in den Sinn: So viel Eis! Überall war weiß zu sehen, viele Gletscher, viele Berge vollbehangen mit Schneefeldern und dazwischen nur die Bergspitzen, die aus ihrem weißen Kleid herausragen.

Das ist wohl die richtige Arktis! Viel nördlicher geht es kaum noch, denn Longyearbyen liegt schließlich auf 78°N. Doch gerade beim Anflug wurde mehr als deutlich, wie geschickt die Stadt geplant wurde: Denn sie liegt in einer der wärmsten Zonen der gesamten Inselgruppe. Das Eis und der Schnee unter uns verschwand auf einmal genauso schnell wie es gekommen war und plötzlich war arktische Tundra zu sehen, ein paar Flüsse, die sich ihren Weg durch die Steine und kleinen Gewächse bahnen und natürlich die großen Plateauberge, die gänzlich dem Namen der Hauptinsel "Spitzbergen" wiedersprechen.

Und dann ist man endlich da: Im Königreich der Eisbären. Gleich schon am Flughafen wird man von einem begrüßt, oder vielleicht auch gleich gewarnt, in was für einer Gegend man sich denn nun befindet. Hier beherrscht nicht der Mensch das Land, sondern die Natur und ihre wilden Tiere. Wir sind nur Gäste. Das wird einem besonders dann bewusst, wenn man die kleine Siedlung verlässt und in diese einzigartige arktische Landschaft hinauszieht, die doch so anders ist als die grönländische Arktis.

In Longyearbyen selbst wird einem ganz schnell bewusst, in was für einer Region man sich befindet: Zwischen Bergen voller Kohle. Ob Russen, Amerikaner, Norweger oder Schweden, sie alle haben hier nach dem nordischen, schwarzen Gold gesucht, einen um den anderen Tunnel gegraben und die Bodenschätze ausgebeutet, so lange es profitabel war. Und diese Geschichte bekommt man in der Stadt immer wieder deutlich vor Augen geführt. Ob es nun die Ruinen der alten Bergwerke sind, alte Kohlekarren mitten in der Stadt oder das Minenarbeiter-Denkmal im Ortszentrum.

Irgendwie weiß man, dass dies menschliche, unnatürliche Hinterlassenschaften sind, aber gleichzeitig gehören sie einfach hierher und ohne sie wäre Longyearbyen wohl niemals gegründet worden.

Wenn ich diesen Ort beschreiben müsste, dann würde ich sagen, dass er viele Gegensätze in sich vereint. Die Vergangenheit und gleichzeitig eine Moderne, wie sie kaum moderner sein könnte. Mit großem Unigebäude, einem Schwimmbad, Kajakclub und einem großen Jachthafen. Eine unglaubliche Abgelegenheit - mitten in der Arktis, auf einer kleinen Insel - aber doch innerhalb von drei Stunden von Oslo aus zu erreichen. Man kann alle möglichen Sorten an Salat und Obst kaufen, und das in einem Land, in dem es nicht einmal kniehohe Gewächse schaffen, zu überleben. Ein Ort, der so multikulturell und so international ist, wie man ihn wohl nur selten findet, aber doch ist Norwegisch unabdingbar, wenn man sich wirklich als Teil dieser arktischen Siedlung fühlen möchte. Und dann natürlich diese einzigartige schroffe und zugleich wunderschöne Natur, die von jedem Punkt aus dem nicht ganz so glamourösen Ort zu sehen ist.

Für mich ist Longyearbyen ein interessanter Ort mit großer Geschichte und großer Relevanz für die Arktis, aber doch nur ein Transitpunkt, um hinausgelangen zu können in die unendliche Weite und Rauheit der Berge und Fjorde, die das gesamte Stadtbild prägen.