Norwegen

Hin und wieder führt mich mein Weg nach Norwegen, und dann meisten in den Norden, rund um Tromsø - denn hier gibt es die Wale zu beobachten!

Ein Mal kurz nach Russland

Am 26.9.2018, Norwegen - Svalbard

Gefühlt hat das Studium gerade erst angefangen, und doch ist das erste Semester schon fast vorbei. Die letzte große Exkursion dieses Jahres liegt nun hinter uns; eine Wanderung von ca. 150km. Einmal nach Russland und wieder zurück.

Denn Longyearbyen ist nicht der einzige Ort auf Svalbard. Und Norwegen ist nicht die einzige Nationalität hier. So haben auch die Russen und Schweden hier Siedlungen gegründet. Die meisten Siedlungen sind zwar mittlerweile verlassen oder in Forschungsstationen umgewandelt worden, doch dann gibt es eben noch Barentsburg, den zweitgrößte Ort auf der Insel. Russisch, mit etwa 400 Einwohnern. Und welchen besseren Weg gibt es, Russland einen kurzen Besuch abzustatten, als zu Fuß dorthin zu laufen?

So bereiteten wir uns also auf unseren achttägigen Ausflug vor, packten die Rucksäcke voll mit Schlafsäcken, Essen, Campingkochern, Zelten und eben all dem Kram, den man da draußen so braucht. Doch man darf nicht vergessen, wo man sich hier befindet: In der tiefen Arktis. Und die Arktis bringt die Gefahr der Eisbären mit sich. So mussten wir unsere Ausrüstung um einiges ergänzen und schleppten noch zusätzlich Signalpistolen, Gewehre, Munition, Sprengstoffkartuschen und Stolperdraht mit.

Von der Ferne betrachtet mag es vielleicht seltsam klingen, bewaffnet und mit Munition und Sprengstoff in eine menschenleere Gegend loszuziehen, doch hier gehört das einfach zum Alltag dazu. Es ist beinah beängstigend, wie schnell man sich daran gewöhnt und nur hin und wieder habe ich mich dabei ertappt, über den Sprengstoff in meinem Rucksack nachzudenken.

So prägt die Eisbärengefahr fast all unsere Tätigkeiten. Während wir laufen, halten wir mehr oder weniger bewusst Ausschau nach kleinen, weißen Punkten in der Weite. Wenn wir es uns für die Mittagspause gemütlich machen, achten wir darauf, dass wir keinen toten Winkel haben und wenn wir im Camp ankommen, dann halten immer ein oder zwei von uns Eisbärenwache. Und das auch um 3 Uhr in der Nacht.

Wenn der Schnee einem noch nicht ausreichend das Gefühl vermittelt, dass der Winter näher rückt, dann tut es definitiv die nächtliche Bärenwache. Von Tag zu Tag wird es früher dunkler, und die Nacht wird immer schwärzer. Doch mit der Dunkelheit reduziert sich auch gleichzeitig die Sichtweite. Eine Schwierigkeit der Eisbärenwache, mit der man sich erst anfreunden muss. Wenn es dann aber noch schneit, dann kann man lediglich ein paar Meter weit sehen und ist unglaublich froh über den Stolperdraht, den wir rund um die Zelte gespannt haben.

Doch wenn man dort so steht, vielleicht mit kalten Zehen und hinausstarrt in die Dunkelheit, während man auf zwei leuchtende Augen im Schwarz wartet, dann fängt der Verstand an, seltsame Spiele zu spielen. So beginnt man, in den Formen von Schwarz und Weiß, von Schnee und Stein, im Schatten und im Lichtschimmer Formen und Gestalten zu erkennen und irgendwann wird aus einem einfachen Schneefeld ein Eisbär. Um einen herum erhebt sich eine Armee aus Eisbären, mal größere und mal kleinere Exemplare, und der Verstand lässt sie so verdammt echt wirken, dass man sich selbst nur verfluchen kann.

Doch hat man diese Eisbären im Dunkeln einmal ausgemacht, beginnen diese weißen Flecken einen zu attackieren, sie scheinen immer näher und näher zu kommen, obwohl sie tatsächlich doch auf der gleichen Stelle verharren. Man kann nicht wegschauen - denn was, wenn es sich diesmal tatsächlich um einen Eisbären handelt? Und so muss man sich irgendwie mit den weißen Flecken, die einen über zwei Stunden hinweg attackieren und einen doch nie erreichen, anfreunden und sich wieder und wieder bewusst machen, was nun Realität ist und was der Verstand einem vormacht. Eine Nacht in der Arktis, mit Gewehr und Signalpistole geschultert, ist einfach etwas Besonderes, das man selbst einmal erlebt haben sollte.

Ganz anders ist wohl die Bärenwache in den Morgenstunden. Die Berggipfel um einen herum beginnen, in der Morgensonne zu leuchten, manchmal blutrot, manchmal in einem tiefen orange oder gelb. Und während die Sonne am Himmel immer höher klettert und auch langsam das eigene Zelt erreicht, erwacht das Camp um einen herum zum Leben. Die ersten Campingkocher werden angezündet, das Frühstück wird zubereitet und nach und nach kriechen immer mehr dieser seltsamen arktischen Bewohner aus ihren roten Zelten, um einen weiteren einmaligen Tag in der Arktis zu begrüßen.

Je länger man unterwegs ist, desto routinierter wird alles. Vom Zelte auf- oder abbauen, über Essen kochen und die Kommunikation in den Gruppen. Doch gleichzeitig ist jeder Tag anders als der Vorangegangene. Während man an dem einen Tag über ein Hochplateau läuft, quert man am nächsten ein tiefes Tal und am dritten führt der Weg wiederum an der Küste entlang.

Und hin und wieder trifft man auf menschliche Hinterlassenschaften: Alte Siedlungen am Ufer, in denen früher Kohle gefördert wurde, und die heute verfallen und verlassen sind. Doch diese Orte machen einen unglaublichen Reiz aus: Durch die alten Gänge zu streifen, in die moosbewachsenen Räume zu blicken und halb kletternd sich seinen weiteren Weg über heruntergefallene Holzbalken zu suchen. Diese alten Gebäude sind genauso eng mit Svalbard verbunden wie die schneebedeckten Gipfel, denn ohne sie wäre Svalbard einfach nicht Svalbard. Manche Leute würden diese alten Überreste vielleicht als Abfall bezeichnen, doch hier sind sie sogar per Gesetz geschützt.

So folgten wir also unserem Weg durch diese grandiose Landschaft und ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich mich schätzen darf, an so einem Ort leben zu dürfen. Wenn man auf einer Anhöhe steht, Fuchspuren im Schnee kreuzt und nur ein paar Meter entfernt eine Herde Rentiere vorbeigaloppiert, direkt Richtung Sonne, die in tausend Strahlen auf die weißen Berghänge trifft, dann ist man im wohl besten Klassenzimmer der Welt.

Für uns war diese Exkursion wohl fast wie Urlaub, doch wir sind vor allem zum Lernen hier. So hieß es, nur mit Karte und Kompass zu navigieren, egal bei welchem Wetter.

Während sich die Navigation während der ersten Tage dank gutem Wetter als recht einfach herausstellte, sah es am letzten Tag schon etwas anders aus. Neuschnee und Nebel waren unsere Begleiter und nur mit einer Kompasspeilung und einem weißen Nichts um uns herum mussten wir den Weg durch die Bergwelt finden. Denn um zurück zum Ort zu kommen, hieß es, seitlich an einem Hang das richtige Plateau zu finden und ihm gerade weit genug zu folgen, um zum richtigen Bergsattel zu gelangen. Es war wohl das erste Mal, dass ich wirklich nach einer Peilung gelaufen bin, und ich bin schon ein wenig stolz, dass ich exakt dort herausgekommen bin, wo ich hin wollte.

Doch selbst wenn man mit dem Kompass blind vertraut ist, gibt es hier oben das Problem der ungenauen Karten. Der Maßstab ist einfach zu ungenau, um alle Details in der Umgebung im Vorfeld auszumachen. Wenn man nicht genau aufpasst, kann es schnell passieren, dass man auf einmal vor einem metertiefen Abhang steht oder sich vor einem ein großer Canyon auftut. Nach einem erneuten Blick auf die Karte sagt man sich dann selbst: "So sieht also ein Canyon auf der Karte aus", und blickt kopfschüttelnd auf die eine Höhenlinie, die einen halben Millimeter nach innen eingeknickt ist, während sich vor einem ein riesiger Abgrund auftut.

Genau das ist uns am vierten Tag passiert, als wir die letzten Berge nach Barentsburg überqueren wollten, anstatt die recht langweilige Küste entlangzulaufen. Sigmund, einer unser Lehrer, meinte am Morgen noch, es gab vielleicht mal eine Gruppe, die über diese "crazy mountains" gelaufen sind, aber ganz sicher war er sich dabei auch nicht. Und als wir am besagten Canyon angekommen waren, haben wir verstanden, was man sich unter "crazy mountains" vorstellen kann, wenn jemand wir er das sagt.

Doch es führen bekanntlich viele Wege nach Rom, und so haben wir schlussendlich auch unseren Weg nach Barentsburg gefunden - nach zwei Extrakilometern und einer Querung an der Nordseite eines recht steilen Berghanges.

Eine Stadt verheißt gutes Essen, richtige Toiletten und ein warmes Restaurant. So schön dies vielleicht auch klingen mag, mir wird wieder einmal bewusst, wie ungern ich zwischendurch einen Besuch in der Zivilisation einlege. In der Stadt verlässt einen diese spezielle Ruhe, die man nur in der Weite der Natur finden kann, und die Einfachheit des Lebens rückt in den Hintergrund. Wichtig werden dagegen solche Dinge wie der Preis für das Essen oder Autos, die die eigenen Wege kreuzen.

Froh, wieder zurückzukehren in die Weite der Arktis, ging es also auf den zweiten Teil der Strecke: Wieder zurück nach Longyearbyen zu laufen. Natürlich auf etwas anderen Wegen, durch etwas andere Täler und über andere Gipfel. Und vor allem ohne die Lehrer, nur wir Studenten unter uns. Bisher konnten sie schnell eingreifen, wenn wir uns irgendwelche Dummheiten überlegten, nun aber waren wir auf uns alleine gestellt und es war schön, dass sie uns zutrauen, selbst alles bewerkstelligen zu können. Aber vielleicht wollten sich nicht noch mehr Tage mit so vielen Studenten herumschlagen müssen, die nach vier Tagen körperlicher Anstrengung schon streng riechen mussten. Und ein Kaffee vorm Fernseher im geheizten Raum ist dann doch etwas anderes als das kalte Zelt bei leichten Minusgraden neben schnarchenden Mitreisenden.

So setzten wir also unseren Weg fort, Tag für Tag. Doch jeder Tag blieb besonders und hielt Überraschungen für uns bereit. Ob es die zweite große Flussquerung war, bei der wir aufgrund der anhaltenden Minustemperaturen alle trockenen Fußes auf die andere Seite kamen oder eben die eine kleine Hütte auf unserem Weg, die für Reisende dort errichtet worden war, und in der wir unsere Mittagsrast von zwanzig Minuten auf zwei Stunden verlängerten. Mit ein wenig Schlaf in richtigen Betten und gutem Essen, versteht sich.

Mit jedem Schritt kamen wir Svalbard etwas näher, haben diese Insel tief in der Arktis ein wenig besser verstanden und einfach das Leben genossen. Das Wichtigste ist aber wohl, dass sich Lernen und Spaß hier nicht ausschließen. Hier gehört das eine zum Anderen, was in so vielen deutschen Unis leider vergessen wird. So kommen wir also zurück mit vielen neuen Erfahrungen, mit besseren Navigationsfähigkeiten, als besser zusammenarbeitende Gruppe und natürlich haben wir auch einiges mehr über uns selbst gelernt, was wohl manchmal die schwierigste aller Lektionen sein kann.