Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Svalbards Sommer

Am 5.7.2019, Norwegen - Svalbard

Es ist nun also soweit: Der Arctic Nature Guide Kurs ist vorbei, hinter mir liegt ein Jahr voller Erfahrungen, ein Jahr voller Erlebnisse, ein Jahr Lernen, ein Winter im Zelt auf 78°; und das alles ist nun vorbei. Vor mir liegt ein Sommer in der Arktis, ein Jahr voller Abenteuer und ein Leben als Guide in der Arktis.

Es ist nun also Zeit, mein Zelt wieder abzubauen, und wieder ein zivilisierteres Leben anzufangen, wenn auch vielleicht nur ein klein wenig zivilisierter.

Der Schnee schmilzt nun in einem wahnsinnigen Tempo, die Flüsse reißen auf und strömen mit Wassermassen Richtung Meer. Plusgerade, vor allem wenn die Sonne sich am Himmel zeigt, und Schneematsche leider auch recht oft. So ist es momentan gar nicht mehr so leicht, überhaupt zu meinem Zelt zu gelangen. Zwischen dem Ortsende und meinem zu Hause liegen ein paar hundert Meter Schneematsche, und Flüsse, einer größer als der Nächste. Ich weiß gar nicht mehr, wie oft ich hin und her laufen musste, um all meine Sachen mit dem Rucksack und in der Hand Richtung Zivilisation zu tragen. Während im Winter alles gefroren ist und voller Schnee, ist man mit dem Schneemobil in ein paar Sekunden dort; doch nun im Frühling mit der Schneeschmelze kann man nur hoffen, dass alles trocken bleibt.

Mein Winter im Zelt ist also vorbei; von Schneestürmen bis hin zu klaren Nächten, von Polarnacht bis hin zur Mitternachtssonne, von -30°C und kälter bis hin zu Plusgraden. Ein Winter voller Gegensätze; ein Winter, den ich nicht missen wollen würde. Doch nun heißt es, neue Projekte in Angriff zu nehmen.

Der ANG Kurs ist vorbei, und wir verabschieden uns von allen, die zurück aufs Festland gehen. Ein letztes Mal Zusammensitzen, ein letztes Feuer am Strand, doch Freundschaften bleiben.

Für mich wird es Zeit, aufs Schiff umzuziehen, denn eine Tour im Nord-Westen Svalbards wartet auf mich.

Wir fahren hinaus, und ich muss sagen, dass ich die Freiheit als Expeditionsleiter genieße. Selbst zu entscheiden, wo man anlegen möchte, mit dem Kapitän gemeinsam entscheiden, welche Fjorde man anfährt; und nur das Wetter und vielleicht die Kondition der Gäste, die einem in der Tourenplanung einschränkt. Wenn solch eine Arbeit auch viel Verantwortung bedeutet, ist sie doch genau das, weshalb ich als Guide arbeite.

Diese Gruppe wollte vor allem Tiere sehen, und hielten wir natürlich in besonderem Maße Ausschau nach Eisbären, Walen, Polarfüchsen und Walrössern. Vor allem Finnwale begegneten uns in den Fjorden, ein paar Eisbären, Walrösser schwammen neugierig neben uns her, und mit ein wenig lokalem Wissen kann man natürlich auch recht einfach einen Fuchsbau finden. Doch für mich sind es die Eisbären, die mich immer wieder beeindrucken. Wie sie mit ihren riesigen Tatzen durch den Schnee stapfen, wie sie von einer Eisscholle zur nächsten springen. Diese riesigen Tiere, bei denen man so leicht vergessen kann, dass sie doch zu den gefährlichsten Raubtieren dieser Welt gehören. So wundervoll sie auch von der Ferne zu betrachten sind, so ungerne begegne ich ihnen im Feld zu Fuß.

Die für mich auf dieser Tour beeindruckendste Tierbegegnung war allerdings kein Eisbär, kein Walross und kein Fuchs, sondern eine Robbe. Wir waren mit dem Zodiac am Gletscher, und sehen eine Robbe, die gar nicht so weit von uns entfernt auf einer Eisscholle liegt. Um sie nicht zu stören und um den Moment zu genießen, schalten wir den Motor aus; und wie von einer unsichtbaren Hand getragen treibt uns die Strömung langsam voran. Erst hier hin, dann dort hin. Die Robbe auf der Scholle schaut ins mit ihren großen Augen an, doch rührt sich keinen Millimeter. Alle Gäste werden auf ein Mal ganz still, haben nur Augen für diese Robbe, während wir langsam mit der Strömung auf sie zutreiben, und dann an ihr vorbei. Ein magischer Moment.

Wir erkunden die Küste im Nord-Westen Svalbards, fahren Fjorde an, in die nicht jedes Schiff fährt, und genießen die Schönheit des Eises und des Sommers in der Arktis. Ein Gletscher folgt dem Nächsten; doch sie alle könnten unterschiedlicher kaum sein. Mit vielen Gletscherspalten oder wenigen, manchmal stürzen sie sich ins Meer; dann wiederum schmiegen sie sich gemütlich in den Berghang und scheinen sich keinen Millimeter rühren zu wollen. Es gibt kleine und große Gletscher, steile und flache, und jeder Gletscher scheint seine eigene Seele zu haben. Manchmal ziehen sie sich sogar bis hinauf zu den Eiskappen, sind schneebedeckt oder auch schneefrei; schimmern weiß, blau, grün oder schwarz, manchmal scheinen sie einen für eine Tour einzuladen, manchmal genau das Gegenteil.

Es ist wohl das Eis und die Weite, was mich am Meisten am Norden fasziniert.

Doch hier oben findet man nicht nur unberührte Natur: Gerade im Isfjord haben wir Menschen unsere Spuren überall hinterlassen. Ob es nun Gräber aus der alten Walfangzeit sind, oder Überreste aus dem Bergbau. Und gerade die größeren Überreste sind faszinierend, wie z.B. die russische "Geisterstadt" Pyramiden, die ich nun endlich auch im Sommer besuchen konnte.