Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Jetski statt Schneemobil...

Am 18.4.2019, Norwegen - Svalbard

Nass. Es ist alles nass. Meine Schuhe geben einen leisen Schmatzlaut von sich, die dicken Winterstiefel könnte ich nach jedem Schritt ausfringen. Meine Kleidung: Nass. Meine Hände: Nass. Meine Haare: Nass. Der Sitz vom Scooter: Nass. Doch mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss weiter machen, einen Schritt vor den anderen setzen.

Wir sind draußen, am Ende vom Ende der Welt, ich als Guide mit fünf Gästen. Fünf Gäste, sechs Scooter und zwei Schlitten. Und natürlich haben sich drei der Scooter und beide Schlitten festgefahren. Wie konnte es auch anders sein. Ich hasse mich selbst dafür, genau hier langgefahren zu sein. Ein wenig weiter außen, im Berghang, wäre es trockener gewesen. Nicht trocken, aber trockener. Doch das Tückische ist, dass man momentan bei den Schnee- oder eher Regenverhältnissen erst eine matschige Stelle erkennt, wenn man bereits mitten drinnen ist. Und die Stelle hier war sehr matschig. Dabei bin ich zuvor schon extra um den See herum gefahren, bin vom Trail auf meinem GPS abgewichen, obwohl ich die Region nicht allzu gut kenne. Aber unten auf dem See hätten wir keine Chance gehabt. Dieses kleine Tal, wenn man es so nennen kann, wollte ich nun hier überqueren, vielleicht 50 Meter weit, und im Sommer fließt hier ein kleiner Bach in den großen See weiter im Norden von uns. Und genau hier hat sich so viel Wasser gesammelt, wie es nur an wenigen Stellen tut: Würde man die obere Schneeschicht vorsichtig wegdenken, dann könnte man vielleicht sogar schwimmen gehen. Wer weiß. Zumindest bis zu den Knien.

Und genau hier haben wir uns festgefahren. Mein schwerer Anhänger ist als Erstes abgesoffen, und dann alles andere hinterher. Mein eigener Scooter ist stecken geblieben, der Scooter hinter mir, und der andere Scooter mit Anhänger hat es auch nicht geschafft. Noch während dem Absaufen hab ich den anderen Gästen zugerufen und signalisiert, sie sollen weiterfahren, einfach nur weiterfahren, bis auf den nächsten Hügel. Und nach anfänglichem Zögern und meinem Stoßgebet zum Himmel haben es drei der sechs Scooter auf die andere Seite geschafft. Zum Glück, sonst hätten wir ein echtes Problem gehabt.

Eineinhalb Stunden Arbeit liegen nun hinter mir, mit rauf- und runterlaufen, Abschleppseile montieren, ein Versuch nach dem Anderen. Das Problem: Es geht bergauf. Und keiner der Scooter kann bergauf in diesem nassen Schnee einen anderen Scooter aus dem Wasser ziehen. Man rutscht einfach nur weg oder gräbt sich ebenfalls ein. Mittlerweile bin ich sogar dazu übergegangen, das Seil und die Gerätschaften, die eigentlich für Spaltenbergungen auf Gletschern gedacht sind, zum Scooter ziehen umzufunktionieren. Vom Abschleppseil am Scooter führt ein weiteres Abschleppseil den Berg hinauf, gefolgt von dem vielleicht 60 Meter langen Kletterseil, das dann an einem Scooter verankert ist, durch ein paar Gerätschaften läuft, und das Ende des Seiles dann wie ein Flaschenzug von einem anderen Scooter gezogen wird. Auf diesem Hügel gibt es nur eine Strecken von ca. fünf Metern, wo der Untergrund gut genug ist und der Scooter genügend Grip hat, um überhaupt fahren und ziehen zu können. Die Scooter sind am Limit, die Seile sind am Limit gespannt, und nach und nach haben wir einen Scooter nach dem Anderen ans „Land“ gerettet. Bis auf einen. Dieser eine, letzte Scooter rührt sich keinen Millimeter. Der Scooter oben dreht durch, zu viel Zuglast auf ihm. Und unten tut sich einfach nichts in dieser Schnee-Wasser-Pampe. Eine letzte Idee hab ich noch, ein Mal kann ich den Flaschenzug noch verstärken, dass noch mehr Zugkraft auf den Scooter kommt. Wir haben schon geschaufelt und geschaufelt, der Scooter ist einfach zu festgefahren. Vor den Gästen darf ich mir natürlich nicht anmerken lassen, dass das nun meine letzte Idee ist, dass wir den Scooter zurücklassen müssen, wenn es nicht klappt. Ich merke, wie sich meine eigene Stimmung zusehends verschlechtert, nach zwei Stunden Schufterei und nun steckt dieser eine Scooter noch fest und macht mir das Leben schwer. Ich füge noch ein paar Gerätschaften ans Seil hinzu, lasse es hin und her laufen, um einfach ein noch stärkeres Zugsystem zu erhalten. Nun kann ich den Anfang sogar mit viel Kraft selbst ziehen, das Seil wird strammer, ein Mal kurz mit dem Scooter ziehen: Und mit einem Ruck löst sich der Scooter und rollt wie von Geisterhand eineinhalb Meter nach vorne, an einem meiner verwunderten Gäste vorbei. Wir haben es geschafft, die Scooter sind gerettet.

Doch es ist fast wie in einer schlechten Komödie: Bereits hinter der nächsten Kurve bleibt mein Scooter wieder stecken. Wenn man auf dem Schnee kriecht und sein Gewicht verteilt, dann sinkt man nicht durch bis zum Wasser unter der Schneeschicht, noch nicht und meistens, zumindest. Auf allen Vieren krieche ich also wieder hin und her, entlade den Hänger, rette den Scooter alleine aus der Matsche, nur um dann den Hänger umzudrehen, wieder zu beladen und mit einem Abschleppseil herauszuziehen. Zum Glück war er nicht so festgefahren wie zuvor. Doch es machte keinen Sinn; bei diesem Wetter kommen wir auf der Gletscherrute einfach nicht durch. Oben auf dem Gletscher wäre es so schön einfach zu fahren gewesen, doch es trennten uns ein paar hundert Meter heimtückische Überflutungen und Unterflutungen, und wir kommen einfach nicht durch. Einen Umweg hätte man nicht fahren können, die Hänge zu steil, oder noch nassere Stellen im Weg. Also kehrten wir um, versuchten die andere der beiden Routen. Nach vier Stunden Fahrt konnten wir in der Ferne wieder den Ort sehen, an dem wir heute morgen aufgebrochen sind.

Keine fünf Kilometer weit kommen wir diesmal, bis uns eine Stelle stoppt, die einfach nur danach schreit, dass man dort stecken bleiben würde. Vor allem ich mit meinem schweren Hänger. Und hier würde man auch absaufen, eine Stelle, an der ein See in einen Fluss übergeht. Es ist unglaublich, aber Mitte April in der Arktis, auf 78° Nord, einen Fluss fließen zu sehen. Hallo Klimaerwärmung. Eine andere Gruppe hatte sich auf der anderen Seite festgefahren, und in der Schneematsche konnte man ebenfalls Spuren eines geretteten, stecken gebliebenen Scooters ausmachen. Keine Chance, dass ich dort mit der Gruppe hinüberfahre. Alleine hätte ich wohl ordentlich Gas gegeben, aber es macht einen Unterschied, Verantwortung für Andere zu tragen.

Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen, diese Stelle zu umrunden, drehten wir also um, nur um wie Verlierer wieder in Isfjord Radio anzukommen, das wir heute morgen erst verlassen hatten.

Als Guide sollte man wissen, wo seine eigene Grenze liegt, bei der man seine Gäste noch sicher von A nach B bringen kann; und meine Grenze war hier erreicht. Nach ein paar Anrufen und Planänderungen kam also mein Chef hinaus, der deutlich mehr Svalbard-Erfahrung mitbringt als ich, um uns da draußen zu helfen. Denn wir mussten zumindest Barentsburg, den nächsten Ort erreichen, morgen hätten wir wohl kaum eine Chance mehr hier wegzukommen. Dann würden die Gäste festsitzen, die Scooter festsitzen – bei diesen Bedingungen vielleicht sogar bis zum nächsten Winter – ich will gar nicht an all die Umplanung denken, die das nach sich ziehen würde.

Draußen im Feld trafen wir also auf die beiden, die uns hier helfen sollten. Allein die Tatsache, dass er uns half und die Routenfindung übernahm, nahm einige Last von meinen Schultern, doch gleichzeitig schöpfte das Ganze Platz in meinem Kopf, an mein Zuhause zu denken. Wie würde das Zelt wohl aussehen? Ich hatte schließlich keine Vorbereitungen für solch ein Wetter getroffen. Keinen Abflusskanal gegraben, durch den das Schmelzwasser hätte abfließen können, sondern so würde sich alles innerhalb meiner Schneemauern sammeln und den gesamten Platz überfluten. Longyearbyen ist einer der wärmsten Orte auf Svalbard; wenn wir im Westen schon so eine Hitzewelle haben, dann musste sie die Hauptstadt noch stärker treffen. In Gedanken gehe ich wieder und wieder durch, was alles in meinem Zelt auf dem Boden lag. Kleidung. Mein Rucksack. Mein Laptop. Bücher. Die Rentierfelle. Die Munition für den Bärendraht. Meine Gitarre. Aber vor allem mein Laptop, und die Bücher. Alles andere könnte ich wieder trocknen. Irgendwie. Wieder und wieder versuchte ich auszurechnen, wie viel Wasser sich sammeln würde, wie viel es geregnet hat, wie viel von der Schneemauern geschmolzen und zum Zelt hingeflossen ist. Mein Ergebnis sah in keinem Fall grandios aus, und mit dem Scooter wieder und wieder mit durchgedrücktem Gaspedal über offenes Wasser zu fahren, half der ganzen Sache auch nicht gerade.

Vielleicht hatte es zusätzlich noch hineingeregnet, schließlich gab es eine kleine Lücke dort, wo das Ofenrohr das Zelt verlässt. Ich hätte das Zelt besser vorbereiten müssen, doch mit solch einem Wetter hatte ich einfach nicht gerechnet. In Gedanken gab ich schon einige Sachen im Zelt auf, während wir über die nächste wässrige Stelle fuhren und ich nur mit aller Mühe und Not es schaffte, den Scooter dazu zu überreden weiterzufahren und nicht stecken zu bleiben. Hin und wieder war es ganz schön knapp. Wenn du merkst, wie der Schlitten hinter dir dich zurück und nach unten zieht, als würde sich auf ein Mal unter dem Schlitten ein Schlund öffnen, das diesen magisch hineinzuziehen versucht, und der Scooter unter einem nur kläglich versucht, weiter nach vorne zu kommen, während man selbst leise vor sich hinflucht und den Scooter anfleht, weiterzumachen, während man das Gaspedal versucht noch ein wenig weiter durchzudrücken als es überhaupt möglich ist.

Die Arktis ist am Absaufen. Wortwörtlich. Und das Mitte April.

Doch ich muss gestehen: Irgendwie macht es auch etwas Spaß, solch eine Herausforderung zu haben. Zumindest im Nachhinein, wenn man zurückblickt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich jemals mit dem Scooter auf offenem Wasser fahren würde - doch nun in meiner ersten Saison auf Svalbard ist es bereits so weit. Mal sehen, was Svalbard in Zukunft noch alles für Überraschungen bereithält.

Und irgendwie hat es auch Spaß gemacht, dass man mal so richtig Gas geben musste, und die Tour um einiges anders ist als all die anderen Touren. Wenn man sich nicht mehr auf den GPS-Trail verlassen kann, wenn man seine eigene Route finden muss. Wenn man von Stelle zu Stelle den Untergrund wieder und wieder neu beurteilen muss, wenn man zusätzlich von Hang zu Hang noch die Lawinengefahr beachten muss, dann lernt man wirklich, auch im schlechtesten Wetter seine Gäste noch sicher zu führen. Diese drei Tage war wohl seit langem die Tour, auf der ich mit Abstand am meisten gelernt hatte.

Und meinem Zelt geht es gut - mit unguten Gefühl bin ich dort hingefahren, und um es herum hat es getaut, hat sich Wasser gesammelt, doch mein Zelt trohnt hönisch über all dem Wasser und hat es unbeschadet überstanden. Das sind Momente, wo ich wirklich froh bin, im Januar so viel Zeit ins Zelt investiert zu haben: Alles mit Steinen zu verankern, den gesamten Boden mit Paletten auszulegen, und darauf noch einen Holzboden zu nageln. Einen Monat habe ich Tag für Tag am Zelt gebaut, am Boden, an der Verankerung, an der Schneemauer. Ein Monat Arbeit, der sich nun mehr als alles ausgezahlt hat. Trockenen Fußes ins Bett zu gehen, während um einen herum die Welt untergeht ist beim Zelten ein unglaublicher Luxus.