Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Eine Nacht mit Eisbären

Am 18.3.2021, Norwegen - Svalbard

Ich wache mitten in der Nacht im Zelt auf, von was genau, weiß ich nicht mehr. Vielleicht von dem Drehen von einem meiner Mitstreiter, vielleicht aus Intuition. Einer von uns hört draußen Schritte und fragt den Anderen "Wer ist denn da auf dem Klo?", doch natürlich liegen wir alle fünf brav in unseren Schlafsäcken. Nur einen Augenblick später hören wir ein Schnauben auf der anderen Seite der Zeltwand; ein Schnauben wie von einem Eisbären. Es hört sich genauso an, wie ich es mir immer vorgestellt habe, tief und kräftig, wie von einem großen, wilden Tier.

Während der Eine mit voller Kraft in die Trillerpfeife pustet, die immer direkt über unseren Köpfen hängt, greift der Andere zur Signalpistole und öffnet das Zelt, um einen Signalschuss aus dem Zelt zu feuern. Bevor er abdrückt, schaut er noch einmal zurück zu mir, und ich rufe ihm nur "Schieß, schieß" zu. Denn ein Eisbär so nah am Zelt, nur getrennt von dem dünnen Material der Zeltwand, ist absolut keine gute Situation.

Die erste Signalpatrone schießt er in die Luft, für die zweite öffnet er das Zelt ein Stückchen weiter, um den Bären zu lokalisieren und direkt in seine Richtung feuern zu können. Die Trillerpfeife hat den Bären einen kleinen Sprung zurück machen lassen - wir haben seine Tatzen im Schnee hören können - doch er war immer noch näher am Zelt heran, als wir es angenommen hatten. Der Kollege schießt die zweite Patrone direkt auf den Kopf des Bären, der ihn von genau der anderen Seite des Einganges anschaut - doch das scheint den König der Arktis nicht sonderlich zu stören. Gleichzeitig schiebt der Kollege die Waffe zu mir ins Zelt, die immer direkt vor dem Zelteingang im Schnee steckt, und während ich die Waffe aus der Hülle hole, macht sich ein weiterer Kollege bereit, aus dem Zelt hinauszugehen, um den Bären weiter von unserem Zelt wegzutreiben. Ich übergebe ihm die Waffe, und mit der Flare in der einen und der Waffe in der anderen Hand schießt er, mittlerweile von draußen, weiter mit der Signalpistole auf den Bären.

Mein einziger Gedanke ist: "Wir müssen mehr Leute draußen sein; mein Kollege darf dort nicht alleine dem Bären gegenüberstehen", und so schnell wie noch nie springe ich in meine Schuhe. Noch halb im Zelt sitzend höre ich, wie ein Schuss aus dem Gewehr gefeuert wird, und für eine Sekunde bleibt die Welt um mich herum stehen. Wieso schießt er mit dem Gewehr? Hat er gerade auf den Bären geschossen - ist der Bär erschossen?

Doch später erklärt mir der Kollege, dass er entweder zwei Schritte nach hinten hätte machen müssen, um an mehr Signalpistolen-Munition zu gelangen, oder mit dem Gewehr schießt; und zwar in den Schnee vor den Bären.

Sekunden später bin ich auch aus dem Zelt heraus, übernehme wieder das Gewehr, und sehe jetzt auch zum ersten Mal den Bären, der nur ein paar Meter von uns entfernt steht, ein klein wenig hinter dem Stolperdraht, der uns eigentlich vor Eisbären hätte warnen sollen. Doch ganz nach Murphy's law wurde der Stolperdraht erst vom Eisbären ausgelöst, als er ein paar Schritte nach hinten, vom Zelt weg, gemacht hat.

Zu zweit gehen wir langsam, Schritt für Schritt auf den Bären zu, schreien ihn an, ich mit "Fuck off", mein Kollege auf Deutsch mit "Hau ab - ich will dich nicht erschießen", was eine Kollegin als das englische "Coward, coward" interpretiert hat :)

Ich habe die Waffe an der Schulter angelegt, den Lauf noch vor mir auf den Boden gerichtet, bereit, die Waffe zu benutzen. Ich sage mir selbst, dass ich den Bären erschieße, sobald er auf meinen Kollegen zurennt, aber auch nur dann, wenn er angreift. Seltsam eigentlich, dass es mir nicht eine Sekunde lang in den Sinn kam, dass der Bär ja genausogut auf mich hätte zurennen können.

Während zwei Kollegen weitere Signalpistolen-Munition von einer der Pulkas holen, halte ich den Bären mit meiner Stimme und Gestik auf etwa der gleichen Distanz. Der Bär schaut mich seelenruhig an, während ich dort alleine stehe und ihn anbrülle, mittlerweile nicht mehr auf zwei, sondern auf ganzen 10 bis 15 Metern Entfernung. In seinen Augen sehe ich absolut keine Angst, nur Neugierde, was das denn für seltsame Wesen sind, die dort aus diesem roten, großen Gebilde kamen, mit so vielen seltsamen Gerüchen und Geräuschen. Der Bär läuft ein paar Schritte auf der gleichen Höhe hin und her, mich immer im Auge behaltend, doch er kommt nicht näher, entfernt sich allerdings auch nicht wirklich.

Meine Kollegen schießen einen Signalschuss nach dem Anderen, und es wirkt fast wie in einem Action-Film: Sie stehen direkt nebeneinander, und der Eine reicht die Munition, während der Andere sie nacheinander Richtung Bären schießt. Es ist ein ganzes Feuerwerk, das zwischen uns und dem Bären losgeht, doch erst als ein roter Signalschuss ein paar Sekunden lang direkt neben dem Bären brennt, reagiert er überhaupt auf unsere Anstrenungen und dreht sich nach einer kurzen Entscheidungssekunde um und trottet fünf Meter weit weg - das Erste Mal, dass er uns sein Hinterteil zuwandte.

Wir schießen weitere Signalschüsse hinterher, und langsam entfernt sich der Bär von unserem Zelt, bis auf etwa zwei Kilometer, wo er kurz hinter einem Hügel verschwindet.

Wir nutzen die Zeit, um uns bereit für eine weitere Konfrontation zu machen - denn so neugierig und ohne Angst und Respekt wie der Bär es war, wird er sicher zurückkommen. Wir zählen die übrige Signalmunition, und kommen auf Zwei. Wir haben genügend Schüsse fürs Gewehr, doch erschießen möchten wir den Bären nicht. Innerhalb von Sekunden ist für uns klar, dass wir unsere Tour mit nur zwei Signal-Schüssen nicht weiter fortsetzen können, doch der Bär steht natürlich genau zwischen uns und unserem ersten Depot, das etwa 7km weit weg lag. Doch solch einen Bären, der absolut keinen Respekt vor uns und unserem Feuerwerk hat, vor uns herzutreiben bis zum Depot ist sicher auch keine gute Idee. Wir rufen Sysselmannen, die Polizei Svalbards an, um sie über unsere Situation zu informieren, und ihnen mitzuteilen, dass es sich zwar noch nicht im einen Notfall handelt, es sich aber schnell in einen entwickeln könnte, sollte der Bär zurückkommen und sich diesmal nicht wieder vertreiben lassen.

Wie bereits erahnt kam der Bär natürlich kurz darauf zurück. Er hielt schnurgerade auf unser Camp zu, und erst beobachteten wir ihn durchs Fernglas, dann mit bloßem Auge. Jetzt waren mittlerweile alle aus dem Zelt, wir hatten endlich auch unsere dicken Jacken und Hosen übergeworfen - schließlich waren es immernoch sicher -10°C draußen und nur in den Longjohns wurde es dann ohne Adrenalin doch etwas kühl. Wir machten uns bereit für die zweite Konfrontation mit dem Bären - bewaffnet mit Skiern und dem Küchentopf, um möglichst viel Lärm zu machen. Als der Bär wieder recht nah war, fingen wir alle gleichzeitig an, Lärm zu machen. Einer mit der Trillerpfeife, zwei schlugen Ski aneinander, einer trommelte auf dem Küchentopf, und immer das Gewehr griffbereit. Es war fast wie eine Gruppe Straßenmusikanten, nur dass unser Ständchen vielleicht nicht ganz so rhythmisch und musikalisch war; und dass anstelle einer belebten Einkaufsstraße um uns herum nichts war als der Gletscher und die Berge, und der Bär unser einziger Zuschauer war.

Es ist schon ein seltsames Gefühl, mit Ski und Kochtopf gegen den König der Arktis vorzugehen, doch diese beiden Geräusche schienen ihn tatsächlich wirklich am meisten zu beeindrucken.

Als müsste sich der Bär erst einmal durch den Kopf gehen lassen, was genau da denn gerade passiert, ließ er sich nur ein wenig entfernt von uns nieder und beschäftigte sich erstmal ausführlich mit seiner Fellpflege, bevor er dann auch seinen Kopf gemütlich auf seinen Pranken ablegte.

Kurz standen wir etwas überwältigt da - denn mit so einer Reaktion hat wohl keiner von uns gerechnet. Wir entschieden uns, dass der Bär sich in unserer Nähe nicht zu komfortabel fühlen sollte und schossen unseren vorletzten Signalschuss Richtung Bär, der davon tatsächlich aufstand und wieder ein paar Schritte wegtrottete.

Wenn wir gerade zwar auch nicht in akuter Gefahr waren, war unsere Situation doch recht bescheiden. Wir hatten einen jungen Eisbären ganz in der Nähe, der sich von uns nicht wirklich beeindrucken lässt und unglaublich interessiert an uns und unserem Camp war. Der Eisbär war natürlich direkt zwischen uns und unserem Depot, an der wir weitere Signalmunition liegen gehabt hätten, doch es war keine Option, den Bären vor uns herzutreiben. Hilfe aus dem Ort mit Schneemobilen konnten wir auch nicht erwarten, denn die Lawinengefahr war zu hoch, um Andere zu fragen, durch die engen Täler zu uns hinauszufahren und ihr eigenes Leben zu gefährden. Unsere Tour fortsetzen konnten wir auch nicht, denn im Süden beim Meereis spätestens erwarteten wir, auf noch mehr Eisbären zu treffen. Zudem wäre uns der Eisbäre wahrscheinlich gefolgt, und mit jedem Mal weniger beeindruckt von unserem kleinen Konzert gewesen, und sich jedes Mal wohl näher herangewagt, vor allem wenn er lernt, dass wir ihm ja eigentlich doch nichts tun. So blieb uns und Sysselmannen eigentlich nur die Option, mit dem Helikopter aus dem Feld geholt zu werden, damit wir den Eisbären nicht früher oder später erschießen müssten, wenn er wieder zu nahe kommt. Bisher war er nur verdammt neugierig gewesen und ohne jegliche Angst, doch zum Glück nicht ansatzweise agressiv.

Nach insgesamt eineinhalb Stunden mit dem Eisbären mal näher, mal weiter weg und mehreren Telefonaten mit Sysselmannen erhielten wir dann die Nachricht, dass der Helikopter auf dem Weg ist und wir uns bereit für den Pickup machen sollen. Routiniert bauten wir zusammen das Zelt und den Stolperdraht ab, den Bären immer in unserer Nähe und im Blick, bis er hinter einem der Hügel verschwand; und warteten auf den Helikopter.

Ich muss ja gestehen, dass ich mir schon lange insgeheim gewünscht habe, mal den Helikopter beim Landen einweisen zu können, und heute war dieser Tag endlich gekommen. Als der Heli sich langsam näherte, entfernte ich mich ein paar Schritte von der Gruppe, und signalisierte, dass der Heli bei mir landen sollte. Wenn ein Helikopter im Feld landen muss, ist es gut, wenn sie einen dunklen oder farbigen Referenzpunkt haben, denn mit der ganzen Schneedrift, die sie selbst aufwirbeln, können die Piloten nur schwer erkennen, wie viele Meter sie noch vom Boden entfernt sind.

Langsam kam der Helikopter auf mich zugeflogen und verlor dabei an Höhe, und entsprechend nahm auch der Wind um mich herum zu, der von den Rotorblättern erzeugt wird. Recht bald habe ich mich dann auch hingekniet, meine Kapuze festhaltend manchmal den Kopf gesenkt, um das Gesicht vor dem Wind und der Schneedrift zu schützen, bis mich dann wieder die Neugierde packte, und ich sehen wollte, wo genau der Heli gerade ist. Stück für Stück kam er näher, während er gleichzeitig den losen Schnee um mich herum aufwirbelte und dann wegwehte. Kurz dachte ich, "Ach, der Wind ist ja gar nicht sooo wild", als der Heli natürlich so nahe kam, dass ich tatsächlich mich anstrengen musste, nicht umgeweht zu werden, und sogar meinen Arm als seitliche Stütze in den Schnee graben musste. Ziemlich nah an mir landete er schließlich auf dem Boden, und absolut professionell und routiniert hat uns die Helikopter-Mannschaft eingewiesen, und in kürzester Zeit saßen wir alle im Heli inklusive unserem Equipment. 45 Minuten Flug vergingen, für die wir auf Ski 15 Tage gebraucht hatten. 45 Minuten lang gingen uns wohl alle die Eindrücke der letzten Stunden und Tage durch den Kopf, was für eine seltsame Tour das doch war.

Für mich persönlich war es die anstrengendste Tour, die ich jemals gemacht habe. In 16 Tagen hatten wir drei gute Tage und drei große, mehrtägige Stürme. Im ersten Sturm haben wir beinah unser Zelt verloren, haben dann später mit dem unglaublich warmen Temperaturen und schweren Schnee gekämpft, der das Gewicht der Pulkas verfünffacht. Wir haben uns durch ein komplettes Whiteout gekämpft, haben die Pulkas lange, steile Hänge hinaufgezogen, haben jeden morgen unsere Pulkas aus dem Schnee ausgraben müssen, haben nur viel zu selten Kiten und viel zu oft laufen müssen. Oft hat uns das Wetter zu Camp-Tagen gezwungen und wir konnten entweder wegen schlechter Sicht oder wegen Erschöpfung nicht weiterlaufen, und hatten entweder viel zu warme Temperaturen mit schwerem Schnee, oder es war unglaublich kalt.

Diese Tour war die herausfordernste Skitour, die ich jemals unternommen habe, und doch haben wir im Team alles gemeistert. Wir haben unser Zelt wieder repariert, haben unsere Routinen und Abläufe verbessert, sind zusammengewachsen, haben gerade angefangen, in eine gute Routine zu finden, haben die erste Etappe hinter uns gebracht, und ganz nach dem Motto "Das Glück ist ein Pendulum" sind wir weiter Richtung Süden vorgedrungen - denn das gute Wetter musste ja irgendwann kommen. Kurz nach dem Depot zwang uns ein weiteres Whiteout und ein Sturm zu einem weiteren Campday, schon wieder konnten wir nicht weiter, sondern mussten im Zelt abwarten, dass sich des Wetter wieder bessern würde; doch wir waren bereit für den Süden - als der Eisbär so unerwartet unsere Tour unterbrochen hat und wir viel zu schnell auf einmal wieder zu Hause in Longyearbyen sitzen, mit den Gedanken immer noch draußen in der weißen Wildnis.

Für die Meisten von uns ist klar: Wir möchten wieder hinaus, möchten zumindest den zweiten Teil unserer Route angehen, möchten wieder auf Ski und Kites die Wildnis entdecken. Einen Monat lang im Ort zu sitzen, in dem man eigentlich hätte draußen sein sollen, kommt für die meisten von uns nicht in Frage und so planen und bereiten wir die nächste Etappe vor, diesmal hoffentlich mit weniger intensiven Eisbären-Begegnungen.