Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Ein Schiff im Packeis

Am 5.10.2019, Norwegen - Svalbard

Das ganze Schiff bebt, wie bei einem Erdbeben. Ich muss mich festhalten, um nicht von Bord zu fallen. Ein Geräusch von Holz auf Eis, und Eis auf Eis. Doch wir kommen nicht durch. Das Eis ist zu dick. Vorsichtig setzen wir zurück, nehmen ein bisschen Schwung auf, und fahren wieder direkt auf die Eisscholle zu, die wir brechen müssen, wenn wir von der Stelle kommen wollen. Drei - Zwei - Eins - und die Welt erbebt wieder von der Erschütterung, von der Kraft von 370 Tonnen Holzschiff gegen wer weiß wie viele Tonnen Eis. "Hold fast" - ganz nach dem Motto der Segler. Doch das Eis ist immer noch nicht gebrochen; die Eisscholle dreht sich nur ein wenig.

Doch nun ist der Winkel besser; das Eis vor uns ein wenig schwächer als zuvor. Wir setzen vorsichtig wieder zurück, müssen aufpassen, dass kein Eis in den Propeller oder ans Ruder gerät. Und dann wieder vorwärts, auf das Eis zu, vor uns verschwindet das tiefschwarze Wasser wieder und wird vom weißen Eis ersetzt. Es bebt. Doch diesmal teilt sich das Eis, in einer unglaublichen Perfektion bildet sich ein Riss genau vor uns; genau in unserer Richtung; und in diesem Riss wird immer mehr tiefschwarzes Wasser sichtbar. Zunächst nur eine Handbreit Schwarz, dann immer mehr, und während wir mit unserem Schiff vorwärts drängen, treiben wir die beiden Hälften der Eisscholle immer weiter auseinander, bis wir geradeso hindurchpassen; und sich das Eis hinter uns wieder schließt.

Es ist ein normaler Tag im Packeis. Ich stehe vorne am Bug, mit meinem Gewehr, und helfe dem Captain am Steuerrad, das Schiff sicher durchs Eis zu lenken. Wo ist das Eis dünn, wo gibt es Risse, die wir für uns nutzen können? Wo ist das Eis so dick, dass wir keine Chance haben? Um uns herum ist es nebelig, und eine Eisscholle reiht sich an die nächste; es gibt kaum noch Spalten zwischen ihnen. 9/10 Eis, das ist fast eine komplett geschlossene Packeisdecke. Doch unser Schiff ist gut, und unser Captain weiß, was er tut. So suchen wir uns unseren Weg durchs endlose Weiß, immer dort, wo am meisten Schwarz zu sehen ist. Die Welt wird unglaublich klein - nur wir, und das Eis um uns herum; im Nebel können wir nicht weit blicken. Und gleichzeitig wird die Welt unglaublich riesig; denn dieses Eis, durch das wir uns langsam unseren Weg bahnen, erstreckt sich bis nach Svalbard im Süden, bis zum Nordpol im Norden, und dann wieder Richtung Süden auf der anderen Seite bis nach Russland und nach Kanada. Ein riesiger Ozean, mit Eis und noch mehr Eis, und wir sind ein Teil davon.

Wir befinden uns auf einem Dreimaster, auf 81° Nord im Arktischen Ozean, und suchen uns einen Weg durch die fast geschlossene Eisdecke. Vorwärts, immer vorwärts, und wir können uns beinah ein wenig so fühlen wie Nansen auf seiner berühmten Fram-Expedition. An unserem Ziel angekommen werfen wir die Anker aus - doch natürlich keine normalen Anker, sondern Eisanker. Wir machen an einer größeren Eisscholle fest, und treiben dann wie das Eis mit den Elementen über den Arktischen Ozean.

Doch wir sind hier nicht nur aus Spaß, sondern zum Arbeiten: Unser Schiff ist das Schiff für den Film "The North Water", wie es im Eis stecken bleibt, einfriert, und dann später untergeht.

Bevor wir zum Eis im Norden aufgebrochen sind, haben wir schon mehrere Drehtage in verschiedenen Fjorden Svalbards hinter uns; vor riesigen Gletsscherfronten im rauen Norden und an den verlassenen Küsten, mit lediglich Eisbären und Robben als ständige Bewohner.

Die Welt des Filmdrehs ist eine seltsame Welt, und manchmal scheint unser Schiff überbevölkert zu sein mit all den Statisten, Kameraleuten, Regisseur und seiner Crew und vor allem all dem Equipment, den man für einen professionellen Kameradreh eben braucht. Am morgen kommen die ersten übers Eis oder mit den Zodiacs an Bord; und die letzten gehen dann meist erst spät abends wieder. Doch es ist auch faszinierend: Wie schafft man es, dass alles real aussieht? So wie im 18. Jahrhundert? Wie schafft man es, so viele Leute zu koordinieren? Wie schafft man es, dass niemals jemand im Bild ist, der nicht dort sein soll? Es ist eine Welt für sich, und ich glaube man muss schon ein wenig verrückt sein, um sein Leben lang im Filmdreh zu verbringen.

Doch unsere Aufgabe war es hauptsächlich, das Schiff und alles am Laufen zu halten. So passierte es regelmäßig - und meist um vier Uhr morgens - dass die Eisscholle auseinanderbrach, an der wir festgemacht waren. Das Eis hier ist eben schlechtes Sommereis, oder das was davon übrig geblieben ist, auf seinem Weg in den Süden, wo es sich in nichts als Wasser auflösen wird. Wenn ich also nicht auf Eisbären- und Eiswache war und mal auf eine friedliche Nacht gehofft hatte, dann wurden wir meist früh morgens geweckt, weil wir das Schiff bewegen musste, die Seile losmachen und einholen, und wenn wir Zeit hatten auch die Holzanker aus dem Eis herausholen. Doch dafür wird man auch entschädigt: Denn so haben wir den ein oder anderen wunderschönen Sonnenaufgang miterlebt; und ein Sonnenaufgang im Eis lässt sich nicht beschreiben.

Wenn sich um alle Seile herum eine mehrere Zentimeter dicke Schicht an Eiskristallen gebildet hat, man in völliger Stille dahintreibt, nur hin und wieder das "Klock" vom Eis, wenn es auf das Schiff trifft. Wenn aus den dunklen Farben der Nacht die hellen Farben des Tages werden; wenn sich die Atmosphäre um einen herum ändert von einem Krimifilm in das wärmste Licht, dass man sich denken kann; wenn das Eis Feuer fängt.

"When the compass heads north, and the world around you gets more and more quiet, more frozen, more desolate, then you know you are on the right path. A path into ice, a path deep into the country of polar bears, a path to the last islands in the north, and then even leaving these islands behind you.

Heading north, always north, and always forward. More and more ice fields in your way, the cracks of deep black water get more and more rare, but you know you are on an amazing ship; a ship that can find its way, even when the ice is nearly completely closed. She dances between the ice floes, cracks the ice floes, plays with the ice, because that‘s what she is made for.

Freezing hands, freezing ropes, and rim builds up everywhere; and then the sun appears after a night long bear watch on the horizon; slowly, with the northern ease; and sets the ice around you on fire.

That‘s the beauty of the far north, on a three-masted schooner, on a trip we will never forget."

- Sylvia