Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Drei Paar Augen im Dunkeln

Am 19.12.2018, Norwegen - Svalbard

Heute ist Longyearbyen im Regen untergegangen, und dementsprechend schwer waren auch die Bedingungen für jede Tour. Wasserdurchtränkter Schnee, die Flüsse sind wieder aufgetaut und an manchen Stellen haben sich ganze Seen unter einer Schneeschicht gesammelt, vielleicht nur um den unachtsamen Wanderer zu täuschen und ihm nasse Füße zu bescheren.

Doch natürlich wollte ich raus, nur ein wenig aus dem Ort hinaus, obwohl es regnete, und der Wind einem den Regen ins Gesicht peitschte.

So stapfte ich also durch den Schnee, mit meinem Ziel klar vor Augen - doch natürlich ging mein Plan nicht auf. Wie konnte es denn auch anders kommen. Denn zuerst kreuzten Eisbären-Spuren meinen Weg, und nur ein wenig später - gerade als ich nach der Flussüberquerung aus dem Flussbett kletterte, leuchteten plötzlich vor mir im Schein der Stirnlampe drei Paar Augen. Vielleicht 30 oder 40 Meter weit weg.

Sie starrten mich an, ich starrte sie an. Ein Paar Augen war höher als die anderen, doch alle drei waren ziemlich hoch über dem Boden. Ein wenig zu hoch, als mir lieb war. Und im Schneetreiben konnte ich ungefähr die Kopfform des größten Tieres ausmachen - und sagen wir es so: Es war kein Rentier. Und in der Arktis gibt es nur ein Tier, das dann noch in Frage kommt - den König der Arktis.

Vor mir standen also drei Bären im Regen, keine 50 Meter weit weg. Da geht der Puls schonmal ein wenig schneller.

Die Augen starrten mich an, beobachteten mich haargenau, jede meiner Bewegung. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, aber die Augen schienen zu sagen: "Komm schon, lass uns in Ruhe, wir wollen hier nur dieses beschissene Wetter aussitzen", doch gleichzeitig sprachen sie auch diese unterschwellige Warnung aus: "Komm keinen Schritt näher, sonst war's das für dich".

Doch zum Glück hatten wir während des letzten Semesters so viel über Eisbären gelernt, dass wir auf solche Situationen vorbereitet sind.

Bei unseren Touren in die Weite der Arktis haben wir immer ein Gewehr und eine Signalpistole dabei - um den Eisbären zu verscheuchen und im Fall der Fälle eben auch unser eigenes Leben retten zu können. Doch keiner von uns möchte je einen Eisbären erschießen. Denn es gibt noch so viel mehr Möglichkeiten, um aus solch einer Situation herauszukommen, ohne uns oder dem Bären zu schaden.

Angefangen natürlich bei Geräuschen machen. Ob Klatschen, Rufen oder andere Geräusche: Man sollte laut und selbstbewusst auftreten, damit der Bär hoffentlich merkt, dass er sich besser nicht mit einem Menschen einlässt. So laut ich konnte schrie ich also die Bären an, doch immer darauf bedacht, so selbstbewusst wie möglich aufzutreten. Und ich muss zugeben, teilweise war es so überzeugend, wie ich es selbst von mir nicht erwartet hätte. Mit so einer seltsamen Kreatur, die mich so brutal anschreit, würde ich mich als Eisbär nur ungern einlassen.

Schritt für Schritt ging ich zurück, wich den Bären aus - denn schließlich bin ich in ihr Gebiet eingedrungen und habe mich ihnen genähert, nicht andersherum. Und ich hatte die Wahl zurückzuweichen. Schritt für Schritt entfernte ich mich, immer diese leuchtenden Augen im Blick, immer weiter die Bären anbrüllend, dass sie zur Hölle bleiben sollen, wo sie sind.

Solange man die Augen im Licht leuchten sehen kann, weiß man, wo die Bären sind. Ich hatte Glück, sie sind mir nicht gefolgt, sind genau dort geblieben, wo ich sie getroffen hatte. Sie haben mich nicht als Beute gesehen, sondern ich habe sie einfach nur gestört.

Doch irgendwann ist man so weit entfernt, dass man die leuchtenden Augen nicht mehr sehen kann. Der Schein der Lampe reicht einfach nicht weit genug. Und da wird es etwas gruselig. Denn Bären sind schlau. Sie hätten mir folgen können, hätten mich seitlich überholen und hinter dem nächsten Hügel warten können. Und im Dunkeln, im Regen und Wind, nach so einer Begegnung und mit Adrenalin im gesamten Körper fängt der Kopf an, einem Streiche zu spielen. Aus einem kleinen Blitzen im Schnee macht man hungrige Augen, die einem folgen. Aus einem großen Stein wird ein Eisbär, der da sitzt und wartet. Und aus der Dunkelheit bildet der Kopf Formen, die natürlich einem Eisbären entsprechen müssen.

Zum Glück haben die drei Bären mich in Ruhe gelassen, sind mir nicht gefolgt, und so konnte ich sicher zum Ort zurücklaufen. Ich bin wirklich froh, dass ich nicht schießen musste, und auch nicht einmal die Signalpistole nutzen musste, um sie zu verschrecken - denn diese hätte die Bären sicher dazu gebracht loszulaufen - und wer weiß, vielleicht hätten sich unsere Wege dann nocheinmal gekreuzt. Eine Begegnung so nah ist auch hier oben nicht alltäglich und wünsche ich keinem, und wieder einmal bin ich dem Arctic Nature Guide Kurs und unseren Lehrern so dankbar, dass sie uns genau das beibringen, was wir hier draußen auch wirklich brauchen.

Die Polarnacht ist einfach etwas Unglaubliches, das man nicht in Worte fassen kann. Allein solch ein Erlebnis kann man nicht ansatzweise beschreiben, und ehrlich gesagt wäre ich auch froh, wenn ich den Bären nicht begegnet wäre. Sie aus sicherer Entfernung, vielleicht von einem Schiff aus zu betrachten ist etwas unglaublich schönes, doch ihnen so nah zu begegnen ist einfach gruselig, anders kann man es nicht sagen.

Manchmal präsentiert sich die lange Nacht also von seiner düsteren Seite, doch manchmal auch von seiner Besten, wenn der Mond die Berghänge anstrahlt, es Windstill ist und die Sterne über einem leuchten - und dann vielleicht sogar die Nordlichter über einem tanzen. Dann kann man nicht glauben, dass es so einen schönen Ort überhaupt geben kann und ja, dann ist man froh, dass man ein wenig weiter sehen kann als im Sturm, gerade nach so einem Erlebnis.