Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Drei Mal über den Atlantik?

Am 22.8.2019, Norwegen - Svalbard

Für mich hieß es nun, Svalbard erst einmal wieder zu verlassen; doch natürlich nicht ohne den Plan, wiederzukommen. In ein paar Stunden bin ich also ein Mal über den Atlantik nach Kanada geflogen, nur um für die gleiche Strecke zurück fast einen Monat zu brauchen. Einen Monat mit unglaublichen Erfahrungen, mit neuen Freundschaften, und einen Monat, in dem ich meine Seebeine einmal richtig testen konnte.

Das einzige Problem dabei ist, dass ich gar keine Seebeine habe. Das Land, die Berge, das alles kenne ich. Vielleicht auch auf Booten und Schiffen in Küstennähe. Doch eine Atlantiküberquerung? Auf einem Segelschiff? Wo ich noch nie in meinem Leben auch nur einen Fuß auf ein Segelboot gesetzt habe? Wo für mich bisher der Wind immer nur eine Herausforderung war; etwas, das meine Touren meist eher negativ beeinflusst hat, z.B. wenn man im Sturm sein Zelt aufbauen muss, oder wegen des Windes seine Route ändern muss. Doch den Wind für sich zu nutzen ist Neuland für mich, und so gab es einiges zu lernen.

Angefangen bei all den Namen für die Segel, die Kommandos, die Seile, welches Seil welche Funktion hat, wie man die Seile überhaupt handhabt, oder wie man sich überhaupt auf einem Segelschiff bewegt, ohne sich zu verletzten oder über Bord zu fallen. Wie man "aloft" (in die Tagelage) klettert, und dort - 28 Meter über dem Wasser, bei Wind und Wellengang - ganz außen auf dem "yard" arbeitet, um das Segel bereit zum Setzen zu machen. Für mich gab es unglaublich viel zu lernen, und so habe ich einen Tag nach dem Anderen damit verbracht, so viel wie möglich übers Segeln von allen an Bord zu lernen. Neben natürlich den normalen Aufgaben auf solch einem Schiff, wie es über die spiegelglatte See oder auch durch fünf Meter Wellengang zu steuern. Überhaupt erstmal zu lernen, wie man ein Schiff, und vor allem wie man ein so großes Schiff steuert - ob unter Motor oder mit gesetzten Segeln. Oder Ausschau nach anderen Schiffen zu halten. Oder zu schauen, dass alles seefest ist, dass kein Seil über Bord hängt, und sich nichts lockert - weder über noch unter Deck. Oder...

Wir sollten das Schiff von Kanada nach Svalbard überführen, wo es für einen Filmdreh weiter ins Eis fährt. Daher hatten wir einen Kameramann an Bord, und wollten mit Absicht in schlechteres Wetter geraten. Doch wie das natürlich immer so ist - wenn man schlechtes Wetter braucht, dann kommt es nicht. So hatten wir zum größten Teil gutes Wetter; und ich hoffe, mir will niemals mehr jemand erzählen, wie stürmisch die Labradorsee denn sei. Schließlich mussten wir den Motor einschalten, um überhaupt von der Stelle zu kommen.

Doch natürlich hatten wir hin und wieder auch schlechteres Wetter. Ich muss sogar gestehen, dass der erste Sturm für mich tatsächlich eine Herausforderung war. Mitten in der Nacht wurde ich zu meiner Schicht geweckt, und wenn man die Bewegung des Schiffes nicht gewohnt ist, ist es sogar eine Herausforderung, sich überhaupt anzuziehen. Sich mit einer Hand festhalten, mit den Beinen versuchen, die für einen unvorhersehbaren Bewegungen des Schiffes auszugleichen, während man sich versucht, seinen Pulli und die Jacke überzuziehen. Und das alles natürlich möglichst leise, weil die Anderen ja schlafen. Und dann die steile Treppe hinaufklettern, was gerade im Vorschiff ein wenig länger braucht als normal: Die Wellen verlangen es, dass man nur mit den Wellen hinaufklettert; wenn das Schiff sich jedoch wieder hebt, bleibt einem nur übrig, zu verharren, und darauf zu warten, dass es einem erlaubt sei, weiterzuklettern. Und dann kommt man an Deck, eine besonders große Welle spritzt zur Begrüßung übers Deck und testet die eigene Kleidung direkt. Dann heißt es, von Bug bis zum Heck zu gehen, was zwar nur dreißig Meter sind, doch man darf nicht vergessen, dass das Schiff eine ordentliche Schräglage hat - schließlich sind die Segel gesetzt. So heißt es also, auf der höheren Seite sich entlangzuhangeln, gut festhalten, denn auf der tiefer gelegenen Seite schwappen die Wellen übers Deck, wieder und wieder. Es ist als wäre die See lebendig und versucht einen wie ein wildes und ausgehungertes Tier von unten zu erwischen, und einem bleibt nur übrig, sich so weit oben wie möglich festzuhalten, und weiterzulaufen.

Wenn ich nun an diesen ersten Sturm zurückdenke, dann war er wahrscheinlich nicht ansatzweise so extrem, wie ich ihn in Erinnerung habe. Ein bisschen Regen, Schräglage, und ein paar Wellen; doch wenn man so etwas noch nie erlebt hat, ist es etwas ganz Anderes.

Drei Tage vor unserem Ziel in Svalbard sind wir dann nochmal in einen stärkeren Wellengang geraten, sicher fünf Meter hohe Wellen und somit deutlich stärker als beim ersten Mal, doch diesmal stand ich stolz am Steuer, anstatt nur daran zu denken, wie ich nicht über Bord falle.

Allerdings hat mir der gleiche Wellengang auch gezeigt, was es heißen kann, auf einem Segelschiff mitten auf dem Ozean zu leben. Eine der Wellen war deutlich höher als die Anderen, und ist donnernd gegen die vordere Seite des Schiffes gekracht. Das ganze Schiff bebt, und man merkt, wie klein solch ein Schiff doch ist, im Vergleich zum Meer. Diese Welle hat es sogar geschafft, unseren Holzofen aus seiner Verankerung zu reißen, und gegen die nächste Wand zu schleudern.

Und ich persönlich war friedlich am Schlafen - mehr oder weniger jedenfalls. Die Schräglage und die Wellen haben immer wieder dafür gesorgt, dass ich Stück für Stück im Bett nach unten gerutscht bin; bis ich davon aufgewacht, und mich wieder richtig hingelegt habe. Schließlich hatte ich eine große Koje, doch somit allerdings auch kein Leesegel, das einen normalerweise davor schützt, herauszufallen.

Doch diese eine extreme Welle hat mich aus dem Bett herausgehoben, und mit aller Wucht mit Decke und allem in Hochgeschwindigkeit einmal durch das Schiff geschickt; bis ich ein wenig unsachte auf der anderen Seite des Schiffes wieder gelandet bin. Man darf die See nicht unterschätzen, und dies war vielleicht der Preis, den Neptun für die Atlantiküberquerung verlangt hat...

Geplant war ohne Zwischenhalt direkt nach Svalbard zu segeln - was noch nie jemand getan hatte. Doch wie es natürlich so kommt, mussten wir einen Zwischenstopp einlegen, weil unser Radar Probleme machte. So steuerten wir also Island an, wo wir ein paar Tage Zwangspause einlegten, um alles in Ordnung zu bringen, und dann nach Svalbard weiterzusegeln.

Dieser Zwischenstopp, sowie das Wetter (wir mussten um den Süden und Osten Islands segeln) führten dann auch dazu, dass wir faktisch den Atlantik drei Mal überquert haben. Schließlich misst man die Überquerung daran, dass man den Atlantischen Rücken überquert hat - und das haben wir drei Mal. Ich bin mir ehrlich gesagt nun nicht mehr sicher was ich sagen soll: Habe ich den Atlantik ein oder drei Mal überquert? Schließlich war es ja nur eine Tour...

Nach insgesamt 27 Tagen auf See (16 Tage bis nach Island, und dann nochmal 11 bis nach Svalbard); nach vielen, vielen Walen und vor allem Orcas, die unseren Weg begleitet haben; nach unzähligen Eissturmvögeln, die uns gefolgt und den gesamten Weg über da waren; nach Wellen in allen möglichen Formen und Farben; nach Seegang und nach Windstille; nach Gegenwind und Rückenwind; nach Kanada, Island und Jan Mayen; nach einem Monat auf See hatten wir schließlich wieder Land in Sicht. Vor uns lag Svalbard, die "kalte Küste", die uns in perfektem Sonnenschein und weißen Eiskappen auf den Bergspitzen begrüßt hat. Home, sweet home. Die Sonne geht nicht mehr unter; die Wellen werden kleiner und kleiner; und langsam steuere ich Richtung Heimat, begrüße die Berge rechts und links, und habe die Zeit, an jede einzelne Tour zurückzudenken, die ich in diesen Bergen und Fjorden hinter mir habe. So rauh dieses Land auch erscheinen mag, für mich gibt es nichts faszinierenderes als die kalten Küsten des Nordens, diese Gletscher, dieses Eis, diese steilen Berghänge und Klippen, die Mitternachtssonne oder die Polarnacht, all die Tiere, die hier Jahr für Jahr leben, Jahrhundert für Jahrhundert leben.