Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Die seltsamste Saison

Am 13.4.2020, Norwegen - Svalbard

Die Rückreise nach Svalbard war etwas ganz Besonderes. Nachdem ich nun zwei Monate lang weg war von zu Hause, ganz weit im Süden, wuchs das Heimweh jeden Tag etwas mehr. Beim Anflug auf Svalbard hatten wir dann das beste Wetter überhaupt, wolkenfrei, und ließen die Sonne langsam hinter uns. Während im Süden Hochsommer war, näherte sich hier oben die Dunkelzeit erst ihrem Ende. Die südlichen Berge Svalbards wurden pink angeleuchtet, in diesem wunderbaren kitschigen Pink, das nur in der Arktis nicht zu kitschig ist. Während sich das Flugzeug langsam dem Flughafen Longyearbyen näherte, zählte ich all die Gipfel, Fjorde und Gletscher auf, die unter uns entlangzogen, und die alle gemeinsam mein Zuhause bilden. Und gleichzeitig richtete ich einen letzten Blick auf die Sonne für ein paar Tage, denn unten im Tal wird sie vorerst noch nicht zu sehen sein.

Zu Hause angekommen, umgezogen, und natürlich direkt auf Tour. Meine ersten Gäste sind gleichzeitig mit mir angereist, und gemeinsam konnten wir die Weiten Svalbards entdecken, die leider dieses Jahr viel zu wenig Schnee haben. Oft war es schwierig auch nur auf dem normalen Track zu fahren, so viele Steine blickten oft durch. Doch die drei haben dies sowie die -30°C sehr gut aufgenommen, und wir hatten eine wunderschöne Tour, einen wunderschönen Einstieg in die Hochsaison.

Doch einen Monat später sollte alles anders kommen als geplant. Zuerst war Corona ein Wort, das man hier und da gehört hat, das aber etwas ganz entferntes für uns war, so weit im Norden. Doch innerhalb von vier Tagen dann hat sich alles geändert. Von Normalität hat sich alles in Abnormalität, beinah Absurdität gewandelt. Zuerst wurden alle unter Quarantäne gestellt, die in den letzten 14 Tagen angereist sind, also auch alle Touristen. Damit waren Touren nicht mehr möglich. Dann wurden alle Touristen ausgeflogen, gefolgt von eigentlich allen Studenten, alle möglichen Einrichtungen wurden geschlossen, ob Schule, Uni, Schwimmbad, Sporthalle, Büros, Bars, die Bücherei; eigentlich alles. Innerhalb von vier Tagen mussten wir uns umstellen von Normalität auf eine Wintersaison ohne Gäste. Doch wenn keine Gäste da sind, gibt es auch keine Arbeit. So ist ein großer Teil des Ortes arbeitslos, ob sie nun im Tourismus arbeiten, oder in anderen Bereichen; denn auch die Restaurants und der Supermarkt, die Geschäfte und Büros haben limitiertere Öffnungszeiten.

Doch so schlimm es auch klingt, vielleicht ist Svalbard einer der besten Orte, um eine weltweite Pandemie abzuwarten. Hier gibt es keine Hamsterkäufe, denn wir sind ein kleiner Ort, und sobald jemand zwei Packungen Reis einpacken möchte, wird er von allen schief angeschaut und direkt kommt jemand und erklärt ihm, dass das nicht geht. Unser Supermarkt ist auch gut bestückt, weil wir sowieso immer einen Vorrat von zwei Monaten eingelagert haben, falls Nachschub aufgrund der Abgelegenheit und des Klimas nicht möglich ist. Wir können auf Tour gehen - und es gibt noch viele Ecken zu entdecken. So zieht es uns immer wieder hinaus in die Weiten Svalbard, die diese Hochsaison sogar fast menschenleer sind, nur ein paar Locals trifft man ab und an unterwegs. Normalerweise ziehen kleinere und größere Gruppen mit Schneemobilen oder Hunden durch die Täler, doch nun ist kaum jemand anzutreffen. Was für ein Glück wir doch haben, solche eine grandiose Zeit für uns zu haben, und all das endlich mal tun zu können, zu dem man normalerweise nie kommt!!!

Eines der positivsten Sachen an dieser Krise ist wohl, dass wir Zeit haben. Zeit, sich klar zu machen, wo es in Zukunft hingehen soll, Zeit, im Team zusammenzusitzen und abends zu kochen. Es ist fast wie eine Dunkelzeit, nur eben dass es hell ist. Und zwar mittlerweile schon so hell, dass es gar nicht mehr richtig dunkel wird, auch in der Nacht nicht. Diese Helligkeit bringt auch den Vorteil, dass man mal um 8 Uhr abends auf Tour starten kann, ohne befürchten zu müssen, im Dunklen sich seinen Weg suchen zu müssen. Man kann mal rechts, mal links der "normalen" Routen fahren, man kann Gegenden erkunden, in denen man noch nie unterwegs war. Man kann Gipfel erklimmen, und dort den Sonnenuntergang genießen, und mit 90km/h durch die weiten Täler rasen. Man kann zwei Stunden lang Pause machen, Kaffee trinken und reden, oder einen ganzen Tag durchfahren. Und vor allem jetzt, wo es noch Sonnenuntergänge gibt, ist es unglaublich schön, neue Gegenden zu entdecken, Sachen auszuprobieren, und Svalbards Winter einfach nur zu genießen.