Norwegen - Svalbard

Im Sommer 2018 führte mich mein Weg nach Norwegen - doch nicht irgendwohin, sondern ins exotische Svalbard. Hier im Norden, auf 78°Nord, zwischen dem Nordkap und dem Nordpol gelegen, habe ich den einjährigen Kurs zum "Arctic Nature Guide" besucht, habe in einem Zelt überwintert und kann Longyearbyen, den Hauptort Svalbards, nun mein zu Hause nennen.

Der Herbst in der Arktis

Am 19.10.2018, Norwegen - Svalbard

Der Sommer ist hier nun schon lange vorbei, und der Herbst kündigt den Winter an - und mit dem Winter kommt die lange Dunkelheit. Doch die Sonne verabschiedet sich nicht ohne uns wunderbare Tage und Momente auf 78°Nord zu schenken, mit unglaublichen Sonnenauf- und -untergängen, die mehrere Stunden dauern und mittlerweile sogar so lange sind, dass sie ineinander verschmelzen und nur von der dunklen Nacht unterbrochen werden.

Jeder Tag ist anders: Manchmal zeigt sich der Himmel blau und klar, an anderen Tagen leuchten die Wolken in den verschiedensten Farben und Formen und manchmal zieht der Nebel durch die Täler, nicht ohne die Landschaft in die unterschiedlichsten Farben und Stimmungen zu tauchen.

Jeden Morgen auf dem Weg zur Universität kann ich den Blick einfach nicht von den Schauspielen lenken, die die Arktis einem bieten und nur zu oft kann man gar nicht glauben, dass es solch eine Landschaft tatsächlich gibt.

Während wir unsere Tage nun mehr und mehr drinnen in der Uni verbringen und über alle Dimensionen des Guidens lernen, gewinnt die Dunkelheit jeden Tag viele, viele Minuten dazu und es ist endgültig klar: Die dunkle Saison steht unmittelbar vor der Tür. Die Sonne erreicht schon seit langem den Ort nicht mehr, manchmal werden die Berge auf der anderen Seite des Fjordes noch angestrahlt, doch in nur einer Woche verschwindet die Sonne endgültig hinter dem Horizont. Dann kommen vier Monate Dunkelheit - doch mit der Dunkelheit kommen auch die Polarlichter, die Sterne und der Schnee.

Während wir momentan unser Wissen und unsere Fähigkeiten als Guide verbessern, ein Buch nach dem Anderen und ein Artikel nach dem Anderen lesen lesen, genießen wir die letzten Tage mit Licht. Und ja, es gibt tatsächlich wissenschaftliche Artikel übers Guiden. Es wird Zeit, dass dieser Beruf in der Gesellschaft endlich Anerkennung findet und dass auch die Unternehmen den Unterschied und die Wichtigkeit zwischen "einfachen" und professionellen Guides würdigen.

Bisher war ich eigentlich immer gegen wissenschaftliche Texte und Zertifikate. Doch die Texte, die wir lesen, wurden nicht im Elfenbeinturm geschrieben, sondern haben konkreten Bezug zur Realität und bringen einen gedanklich tatsächlich deutlich weiter! Und auch Zertifikate: Viele studieren irgendetwas, nur um später in einem ganz anderen Beruf zu arbeiten; und in der Uni werden oft sehr praxisferne Dinge gelehrt. Doch in dem Beruf als Guide ist es vielleicht gar nicht so verkehrt, nur ausgebildete und somit qualifizierte und zertifizierte Guides arbeiten zu lassen.

Denn je länger ich in diesem Beruf arbeite, desto mehr und mehr wird mir der Unterschied bewusst zwischen guten und schlechten Guides. Und gute Guides kommen fast immer mit einer Ausbildung in genau diesem Bereich daher, während die schlechten Guides eigentlich immer über irgendwelche Umwege zum Guide gefunden haben. Und das sieht man einfach in der Qualität. Denn beim Guiden geht es nicht nur darum, Gäste zu unterhalten und zu bespaßen, sondern vor allem, um sie sicher auf außergewöhnliche Touren zu führen und unglaubliche Erfahrungen in einem sicheren Umfeld zu ermöglichen. Und gerade in lawinengefährdeten Gebieten, auf Gletschern, in den Bergen, auf längeren Touren und vor allem in der Arktis mit Kälte und schnell wechselndem Wetter gehört mehr dazu, als ein "ich versuch mal, als Guide zu arbeiten".