Island

Mein Aufenthalt in Island war extrem spontan: Da ich die Arbeitserlaubnis für Grönland nicht erhalten habe und sowieso nach Island ausreisen musste, entschied ich mich, zwei Monate lang nur mit Zelt und per Anhalter durch das Land zu reisen. So erkundete ich viele schöne Ecken, lief den bekannten Fernwanderweg Laugarvegur, wanderte an der Ostküste und besuchte viele, viele Sehenswürdigkeiten auf der gesamten Insel.

Der Osten

Am 22.8.2017, Island

Hier im Osten soll es eine wunderschöne Wanderung geben. Vier Tage lang, an den Fjorden entlang, an dessen Ufern wunderschöne Berge in den Himmel ragen sollen. Mir wurde mit glänzenden Augen das Paradies versprochen – doch was habe ich bekommen?

Angefangen hat die Tour im “schönstem Ort an der Ostküste”, Seydisfjördur. Vorgefunden habe ich ein nettes Örtchen am Wasser, eingerahmt von steilen Bergen. Nett, aber nicht umwerfend. Mein Weg führte mich daher recht schnell aus dem Ort hinaus, immer an der Küste entlang. Doch den Einstieg zum Wanderweg, der auf meiner Karte eingezeichnet war, konnte ich einfach nicht finden. Also beschloss ich, einem anderen kleinen Weg zu folgen, der immer an der Küste entlang und um die Bergkette herum in den nächsten Fjord führen sollte. Aus der asphaltierten Straße wurde eine Schotterpiste, aus der Schotterpiste ein Feldweg und aus dem Feldweg schließlich ein Trampelpfad. Teilweise war er ziemlich zugewuchert, doch man konnte immer noch den Pfad erahnen, auch wenn man aufgrund des Grases nicht immer sehen konnte, wohin man überhaupt trat.

Der Weg führte an ein paar Klippen entlang und in der Sonne konnte ich an manchen Stellen zuschauen, wie sich die Wellen an den Steinen brachen. Das Ziel war schließlich schon in Sicht, als der Trampelpfad auf einmal eine steile Küste hinunterstürzte und im Meer verschwand. Hätte man mir vorher doch nur gesagt, dass ich für diese Strecke fliegen können muss! So blieb mir nichts anderes übrig, als einen anderen Weg zu suchen. Kurz darauf fand ich auch einen noch kleineren Trampelpfad wieder, der weiter oben, über den Basaltklippen entlangführte. Doch irgendwann verlor auch er sich in den Weiten des Grases.

Da stand ich nun und wollte mein Ziel erreichen, also begann ich, wie in Grönland querfeldein zu laufen. Hin und wieder stieß ich auf einen Trampelpfad, der im Nichts begann und im Nichts endete. Dort begleiteten mich für kurze Zeit immer wieder die Hufspuren der Schafe und ihr Kot, bis ich wieder allein durch das Gras pflügte. Irgendwann aber war auch damit Schluss: Vor mir erhoben sich steile Hänge – zu steil zum Laufen – und Klippen fielen senkrecht ins Wasser. Es blieben zwei Möglichkeiten: Hinaufklettern, bis ich auf die nächste Ebene treffen würde, umdrehen oder fliegen. Da ich nicht fliegen kann und da Umdrehen für meinen Stolz nicht in Frage kam, begann ich, den Berg in Angriff zu nehmen. Einem trockenen Wasserlauf folgend gewann ich an Höhe – mal wandernd, mal kletternd, mal auf allen Vieren.

Endlich dort angekommen, war der Weg zu meinem Ziel nun von der Steilheit her problemlos machbar, doch nun meinte der Berg, andere Tücken hervorkramen zu müssen: Ein Bach folgte dem Nächsten, ein Sumpf dem Anderen, und wenn mal kein Sumpf oder Bach vor mir lag, dann war das Gras so hoch, dass man nie erkennen konnte, wohin man trat und somit sich eher blind tastend vorschlich als es Wandern nennen zu können. Irgendwann war meine Lust auf diese Tour endgültig vergangen, dass ich auf der Stelle beschloss, mein Zelt hier und jetzt aufzuschlagen – bevor ich irgendeinen leichtsinnigen Fehler machen würde – und den Nachmittag und Abend mit einem guten Buch zu beenden.

Die Entscheidung war über Nacht gereift: Diese Region ist zwar nett und hält bei Sonne auch ein paar gute Fotomotive bereit, doch gefiel es mir hier nicht gut genug, um noch länger durch Sümpfe und Gräser zu waten. Zudem lebt diese Tour vom Ausblick auf die Berge – welche der Nebel fest verhüllt ließ. Also machte ich mich wieder auf den Weg: Über die Bergkette zurück zum Ausgangsort, von dem man sowieso viel besser trampen kann als dem ursprünglichen Zielort. Wenn es über diese Bergkette einen Weg gäbe – daran zweifelte ich immer mehr – dann musste er einfach an einem Bach entlangführen, der ein Tal in die Seite des Berges gegraben hatte. Also auf zu diesem Bach! Nach endlos erscheinenden Höhenmetern lag er vor mir, wild und reißend und auf der andren Seite konnte ich einen Trampelpfad erahnen. Doch ob es sich dabei um einen menschengemachten Pfad handelt oder ob er von tausend Hufen getreten wurde, war nirgends zu erkennen. Also suchte ich meinen eigenen Weg und dann, fast 2/3 des Aufstiegs lagen hinter mir, sah ich am andren Ufer einen Weg und Markierungen. Nichts wie hin – auf nassen Steinen balancierend über die starke Strömung. Diesen Weg würde ich nicht mehr um einen Millimeter verlassen, denn er würde mich auf der anderen Seite des Berges sicher wieder auf Meereshöhe bringen. Doch nur ein paar Meter weiter schien es, als wollte der Weg mich höhnisch auslachen, denn er führte zurück über den Bach auf “meine” Seite… Zumindest musste ich nicht barfuß hindurchwaten.

Erst auf dem Sattel wollte sich der Berg mit mir wieder versöhnen, als er den Nebel aufriss und mir ein paar schöne Blicke auf die nächsten Bergketten und den Fjord erlaubte und ich sogar eine Pause mit Sonne machen konnte. Trotzdem dachte ich nicht daran, wieder umzukehren und den Weg wie ursprünglich geplant zu laufen. So führte mich der Weg also tatsächlich hinab ins Tal und dort angekommen konnte ich mich schließlich auch mit meinen Navigationskünsten vertragen: Um diesem Pfad am Vortag zu finden, hätte ich von der Straße auf einen kleinen Feldweg abbiegen müssen, um von dort wiederum auf den Trampelpfad zu gelangen, den man jedoch erst erkennt, wenn man ihn bereits ein paar Meter gelaufen ist. Keine Markierungen, keine Beschriftungen. Da lobe ich mir den deutschen Schilderwald!

So schön der Osten des Landes für den ein oder anderen vielleicht auch sein mag; ich fand es hier nett, bin aber froh, nicht länger über die wässrigen Wiesen laufen zu müssen. Wer weiß, hätte ich den richtigen Weg gleich zu Beginn gefunden, vielleicht wäre ich dann wie geplant ohne das Motivationstief bis zum Ende gelaufen. Doch es warten noch andere Ecken Islands auf mich, von denen mir die ein oder andre mit Sicherheit besser gefallen wird als der Osten des Landes.