Island

Mein Aufenthalt in Island war extrem spontan: Da ich die Arbeitserlaubnis für Grönland nicht erhalten habe und sowieso nach Island ausreisen musste, entschied ich mich, zwei Monate lang nur mit Zelt und per Anhalter durch das Land zu reisen. So erkundete ich viele schöne Ecken, lief den bekannten Fernwanderweg Laugarvegur, wanderte an der Ostküste und besuchte viele, viele Sehenswürdigkeiten auf der gesamten Insel.

Angriff der Vögel

Am 19.8.2017, Island

Nun bin ich hier am Jökulsarlon und fühle mich fast wie in Grönland. Hier kalbt ein Gletscher in einen großen See, der nur an einer schmalen Stelle einen Abfluss ins Meer hat. So können die großen Eisberge nicht hinaustreiben, sondern sind gefangen im See. Im Hintergrund reiht sich dabei ein Gletscher an den nächsten und man kann die Größe dieses Gletschergebietes – dem größten in Island – nur erahnen. Die Eisbrocken nehmen dabei die unterschiedlichsten Farben und Formen an und sind dabei oft mit schwarzen Streifen und Flecken verziert.

Als ob dies allerdings noch nicht genug wäre, fliegen noch Vögel hin und her, Enten schwimmen zwischen dem Eis und eine Hundertschaft an Robben streckt immer wieder ihre Köpfe aus dem Wasser und versucht, gegen die Strömung anzukommen. Die Szenerie wirkt fast schon kitschig, und wenn man sich umdreht, dann wird es noch kitschiger: Hinter einem befindet sich das Meer, in das einzelne Eisschollen hinausgetrieben sind und die wiederum von den Wellen an den Strand gespült wurden, an denen diese sich nun brechen.

Dieser Ort ist so schön, dass ich beschloss, gleich zwei Nächte hier zu bleiben. So blieb mir auch genügend Zeit, eine längere Wanderung am Ufer des Sees zu machen. Als Snack dienten mir dabei fernöstliche Süßigkeiten, die mir eine Taiwanerin (oder Taiwanesin?) am Abend zuvor geschenkt hatte. Mit Knoblauch überzogene Bohnen oder so, für die sich allein schon eine Reise in den fernen Osten lohnt.

Selbst hier, fern der Heimat, bleibt die Gastfreundschaft der Asiaten unübertroffen. Nicht nur, dass sie mich mitgenommen haben, die Mutter mit ihrem autistischen Sohn versorgten mich unterwegs auch noch mit einer Banane und einem Sandwich. Schenkten mir besagte Süßigkeiten und luden mich zu ihnen nach Taiwan ein. Einfach grandios.

Doch mir wird wieder einmal bewusst, wie unterschiedlich der Umgang mit den Kindern weltweit doch ist. Während die Kinder in Grönland mit Liebe und Lachen erzogen werden, müssen die Kinder im fernen Osten Drohungen und Strafen erdulden. Wie oft die Mutter für ihren Sohn unfreundliche Worte übrig hatte, kann ich gar nicht genau sagen. So streng sie zu ihm war, so freundlich war sie zu mir. Immer wieder begegnen mir hier Asiaten, die versuchen, mit lautem Geschrei ihre Kinder von irgendetwas abzuhalten. Welche Art der Erziehung nun die Bessere ist, muss wohl jeder für sich selbst beurteilen.

So ging ich also in Gedanken versunken entlang des Sees auf Wanderung, doch hier sollte man wissen, dass nicht der Mensch regiert: Hier ist das Königreich der Vögel. So fingen einige der “Großen Raubmöven” zunächst an, mich aus der Luft zu begutachten und weite Kreise um mich zu ziehen. Ich schien ihnen nicht zu gefallen, denn sie setzen schließlich zum Angriff an. Sie begaben sich wieder und wieder in den Sturzflug, jedes Mal tiefer, jedes Mal mit meinem Kopf als Ziel. Beim letzten Sturzflug hielt sie ihre Krallen ausgefahren und ich konnte ihrem wütenden Angriff nur noch durch ein schnelles Ausweichmannöver entgehen.

Da hilft nur noch eins: Die Beine in die Hand nehmen und irgendetwas für den Kampf mit den nicht gerade kleinen Raubmöven bereit halten. Sei es die Trinkflasche oder die Regenjacke, alles ist besser als der eigene Kopf. So schön die Aussicht war, so anstrengend war auch der Kampf mit den Vögeln, die doch nur ihre Nester beschützen wollten. Sie hatten ja Recht: Ich war der Eindringling, nicht sie. Trotzdem ist es nicht allzu entspannend, immer mit dem besorgten Blick Richtung Himmel den windigen Weg entlangzulaufen, bei dem in Deutschland schon längst eine Unwetterwarnung ausgerufen worden wäre.