Grönland

2017 erhielt ich die Möglichkeit, für drei Monate lang am Ende der Welt in Ostgrönland zu leben. Hier erklimm ich einen Berg nach dem anderen, wanderte auf Gletschern, fuhr mit Jägern zur Robbenjagd hinaus und genoss das Leben im kleinen Ort, in dessen Fjord hunderte Eisberge schwammen. Der Höhepunkt war dabei wohl der Helikopterflug zum Inlandseis und eine zweiwöchige Wandertour, bei der ich als zweiter Guide arbeitete.

Unentschlossen

Am 23.6.2017, Grönland

Der Morgen begann mit einer großen Unentschlossenheit: Was sollte ich nur tun, an einem sonnigen Tag? Ich habe ja schon so vieles hier in der Umgebung gesehen und wollte ein neues Ziel anstreben, etwas Neues erleben. Lange habe ich hin und her überlegt, bis mir Robert (mein Chef) schließlich ein Ziel empfohlen hat. So brach ich also erst um 11:00 auf, mit einem weit entfernten Ziel. Grob geschätzt ist der Gipfel 12 oder 13 Kilometer weit weg – einfache Strecke. Hinzu kommen noch über 1.000 Höhenmeter. Dies war wohl bis jetzt die anstrengenste Tour, die ich hier bisher unternommen habe.

Dabei gibt es auf der Strecke nur am Anfang kleine Trampelpfade, die sich aber spätestens im Sermilikvejen verlieren. Ab da heißt es: Querfeldein. Über Stock und Stein, man läuft einfach, wo man laufen möchte. Auf der Strecke galt es auch unzählige kleine und drei große Bäche zu queren. Während bei dem ersten Bach noch Holzplanken als Brücke über dem Fluss liegen, muss man den zweiten Bach ohne Schuhe furten, da das Wasser an manchen Stellen schließlich bis zu den Knien reicht. Eine kalte Angelegenheit, besonders da der Bach sehr breit ist. Der dritte Bach wäre sehr schwierig geworden – eine reißende Strömung, oft tiefer als bis zum Knie. (Man sagt etwa, dass ein Bach mit Strömung sicher gequert werden kann, wenn er an seiner tiefsten Stelle nicht tiefer ist als bis zu den Knien). Doch glücklicherweise gab es noch ein Schneefeld, das sich über den gesamten Bach spannte und über das man bedenkenlos auf die andere Seite kam.

Dann begann der Anstieg: Erst recht einfach durch ein Geröllfeld, das mit der zunehmenden Steile immer schwieriger zu gehen war – für ein Geröllfeld aber immer noch recht einfach. Ursprünglich wollte ich nur bis zur Senke zwischen zwei Gipfeln gehen, doch wenn der Gipfel doch schon zum Greifen nahe ist, kann man ihn nicht ignorieren. Also machte ich mich auf zum höchsten Punkt, und oft dachte ich, dass die Aussicht für alles entlohnen muss, wenn ich erst oben bin. Es gab viele rutschige Stellen, steile Stellen und Schneefelder, in denen man bis zur Hüfte eingesunken ist. Die Steine, auf denen man klettern konnte, wurden immer größer und größer, bis sie schließlich manchmal drei Mal so hoch waren wie ich. Doch einmal oben angekommen, war die Aussicht alle Mühen wert!

Zu der einen Seite konnte man Tasiilaq sehen, mit dem Fjord und der Seenlandschaft. Die Berge von Kulusuk waren in der Ferne sichtbar. Nach Norden reihte sich ein Gipfel an den nächsten, die meisten noch schneebehangen. Und nach Westen konnte man den Sermilik-Fjord überblicken, die Küste Grönlands verfolgen und sehen, wie sich das Inlandseis unendlich in die Ferne zieht. Vor den eigenen Füßen liegt schließlich in riesiger Gletscher, der sich sanft in die Hänge schmiegt. Steht man oben, kann man nicht glauben, dass es so etwas wirklich gibt. Diese Aussicht ist einfach unglaublich. Kein Bild kann diese Weite und die Schönheit dieses Landes einfangen. Es sind lediglich klägliche Versuche, einen winzigen Teil des Ganzen festzuhalten, was von vornherein vergebliche Mühen sind.