Grönland

2017 erhielt ich die Möglichkeit, für drei Monate lang am Ende der Welt in Ostgrönland zu leben. Hier erklimm ich einen Berg nach dem anderen, wanderte auf Gletschern, fuhr mit Jägern zur Robbenjagd hinaus und genoss das Leben im kleinen Ort, in dessen Fjord hunderte Eisberge schwammen. Der Höhepunkt war dabei wohl der Helikopterflug zum Inlandseis und eine zweiwöchige Wandertour, bei der ich als zweiter Guide arbeitete.

Sermilik-Fjord

Am 1.7.2017, Grönland

Der größte Fjord in der gesamten Gegend ist der Sermilik-Fjord. Auf der einen Seite wird er durch die Berge und Gletscher begrenzt, hinter denen sich das Inlandseis erstreckt, auf der anderen Seite durch die Insel, auf der Tasiilaq liegt. Etwa einen Tagesmarsch braucht man von Tasiilaq bis zu diesem Fjord, in dem sie hunderte Eisberge sammeln, die meist vom Helheimgletscher abbrechen, der mit einer jährlichen Wanderung von 15 bis 20 Kilometern zu den schnellsten Gletschern der Erde gehört. Hinzu kommt momentan, dass der Wind das Packeis des Meeres in die Fjorde hineingetrieben hat und somit müsste dieser Ford momentan voller Eis sein. Doch das wollten wir selbst sehen.

Also schulterten wir drei den großen Rucksack, der alles für eine zweitägige Tour enthielt: Angefangen beim Schlafsack bis hin zu warmer Kleidung und etwas zu Essen. Unser Weg führte zu Anfang durch das Blumental und dann weiter Richtung Westen, wobei sich ein See an den nächsten reihte. Links von uns immer eine Bergreihe, dessen Wände teilweise senkrecht abfallen, nach rechts immer ein See und in der Ferne weitere Berge, von denen ich den ein oder anderen bereits erklommen habe.

Die arktische Landschaft ist wohl die einzige, die auf so kurzer Strecke so vielseitig sein kann, obwohl es keine Bäume und nichts dergleichen gibt. Während man gerade noch über eine weite, scheinbar endlose, steinlose Ebene läuft, türmen sich im nächsten Augenblick zu Fels gewordene Riesen aneinander. Und dahinter beginnt wieder Sumpflandschaft, die von einer flachen Ebene abgelöst wird, auf der wie zufällig hingeworfen hin und wieder riesige Felsbrocken liegen. Und etwas weiter ziehen sich die Schneefelder vom Gipfel bis zum Ufer des Sees…

Schließlich mussten wir auf eine Anhöhe hinauf, über die unser Weg zum Fjord führte. Wobei es hier Wege natürlich nicht gibt, man muss sich selbst in der Wildnis den besten Weg suchen. Von dieser Anhöhe aus muss man laut Karte den Fjord erblicken können, doch wir stiegen hinauf und hinauf und kein Fjord war zu sehen. Stattdessen ging es immer weiter hinauf. So denkt man, dass man hinter der nächsten Kuppe endlich den Sattel erreicht haben muss, doch es geht immer noch weiter… Und das immer wieder. Doch endlich kamen wir doch oben an und einer der schönsten Ausblicke erwartete uns. Eingerahmt in ein Fenster aus Stein lag der Fjord zu unseren Füßen, mit tausenden Eisschollen und im Hintergrund das Inlandseis. Einfach atemberaubend.

Doch es gibt ein Problem in diesem Land: An den schönsten Punkten ist es immer eisig kalt. Gerade wenn man einen Gipfel erklommen hat oder an einem anderen wunderschönen Fleck angekommen ist, kommt der Wind auf und treibt einen weiter. Die schönsten Ausblick kann man meist nur kurz genießen, was sie umso wertvoller macht. So trieb uns also auch diesmal der Wind weiter, und der Weg wurde beschwerlicher. Auf dieser Seite war noch an vielen Stellen Schnee und wir haben uns beinah um einen Monat in der Zeit zurückversetzt gefühlt. Die Schneeschmelze in der Umgebung Tasiilaqs ist deutlich früher als hier, auf der “anderen” Seite. So querten wir wieder und wieder Schneefelder, bis unsere Schuhe der Nässe nachgeben mussten. Eine weitere Flussüberquerung stand an und kurz dahinter sahen wir unser Ziel: Zwei Biwakschachteln, mit Blick auf den Fjord.

Eine davon bezogen wir und erst drinnen im Geschützten merkt man, was für einen Unterschied der Wind doch für das Kälteempfinden macht. Den Wind nutze ich auch gleich aus, um die Socken zu trocknen. Doch so schön die Aussicht auch war, die Schlafsäcke und das Abendessen riefen. Und so ließen wir den Tag gemütlich drinnen ausklingen, schon halb in den Schlafsäcken versunken.

Diese Nacht ist die erste Nacht seit vielen, die wirklich dunkel war. Da die Biwakschachteln keine Fenster haben, drang nur durch kleinere Spalten Licht hindurch. Es war beinah schon merkwürdig, dass es dunkel war! Und man wird so schnell müde, wenn das Licht fehlt. Erst am nächsten Morgen, als die Tür zum ersten Mal geöffnet wurde, wurde uns bewusst, wie hell es doch ist. Und das, obwohl nicht die Sonne schien, sondern der Nebel tief in den Hängen hing und schon so viel Licht schluckte!

Nachdem wir uns endlich vom wunderschönen Sermilik-Fjord trennen konnten, führte unser Weg zurück über Schnee und Stein, vorbei an Wasserfällen, Bächen und Seen. Wir wählten für den Rückweg eine andere Strecke als am vorigen Tag, was mit zwei Flussüberquerungen belohnt wurde, die so breit waren, dass man barfuß hinüberwaten musste.

Obwohl unsere Rucksäcke nicht allzu schwer waren, merkt man doch deutlich den Unterschied zwischen einem Rucksack für mehrere Tage und dem normalen Tagesrucksack. Man geht etwas langsamer, ist etwas schwerfälliger und insgesamt ist es anstrengender, doch man ist unabhängiger und dringt in Regionen vor, in die man es an einem einzelnen Tag nicht schaffen würde.

So liegen nun zwei schöne Wandertage hinter uns, die uns wieder einmal die Schönheit und die Unterschiede dieser arktischen Wildnis vor Augen führte.