Grönland

2017 erhielt ich die Möglichkeit, für drei Monate lang am Ende der Welt in Ostgrönland zu leben. Hier erklimm ich einen Berg nach dem anderen, wanderte auf Gletschern, fuhr mit Jägern zur Robbenjagd hinaus und genoss das Leben im kleinen Ort, in dessen Fjord hunderte Eisberge schwammen. Der Höhepunkt war dabei wohl der Helikopterflug zum Inlandseis und eine zweiwöchige Wandertour, bei der ich als zweiter Guide arbeitete.

Nationalfeiertag

Am 20.6.2017, Grönland

Drei Kanonenschüsse weckten mich heute. Drei Mal wurde das Schwarzpulver gezündet, drei Mal ertönte der Knall über dem Dorf. Wieso? Weil heute Nationalfeiertag ist, es ist Mittsommer. Der längste Tag des Jahres. Die Sonne verschwindet hier zwar hinter den Bergen, doch es ist immer taghell. Lediglich zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens kann man am Himmel einen Sonnenuntergang sehen, der sich schon wieder mit dem Sonnenaufgang vermischt; es gibt keine Nacht. Dann leuchtet der Himmel in allen möglichen und unmöglichen Farben, der Fjord färbt sich orange oder feuerrot, die Eisschollen wirken wie blaue Kristalle, die dort zufällig hingeworfen wurden. Im Minutentakt ändert sich der Ausblick, die Farben wechseln, als würde jemand nach und nach neue Farbfilter über das Bild legen, die immer andere Farbtöne hervorrufen. Es ist wunderbar, nachts bei etwa 0° draußen auf einem Stein zu sitzen und ein Zuschauer dieses einzigartigen Schauspiels sein zu dürfen.

Wenn man am 21.6. durch die Straßen Tasiilaqs läuft, kommen immer wieder Menschen auf einen zu, um einem zum Nationalfeiertag zu gratulieren. “Piduari, piduari” – “Herzlichen Glückwunsch”. Das ist schon etwas seltsam, wo man aus Deutschland so etwas gar nicht gewohnt ist. Hier hat dieser Tag eben eine besondere Bedeutung. Der Nationalfeiertag wurde 1983 eingeführt und ist mittlerweile zu einem Teil der nationalen Identität geworden. So wird natürlich auch die grönländische Flagge gehisst, die traditionelle Tracht bei Vorführungen getragen, ein Gottesdienst abgehalten. Und hinzu kommt eben, dass dies der längste Tag des Jahres ist.

So fanden heute den ganzen Tag über auch Vorführungen statt, die vom Trommeltanz bis zu Kinderspielen reichten. Normalerweise findet dies auf Ittimini statt, einem besonderen Ort hier in Tasiilaq, der auch früher schon für Trommeltänze genutzt wurde. Doch dieses Jahr gab es Probleme mit den Behörden und das Fest musste sich einen anderen Ort suchen. So wurde die Sporthalle zum Zentrum der Festlichkeiten.

Als Erstes wurde ein Trommeltanz aufgeführt, natürlich in traditioneller Kleidung. Währenddessen liefen mehrere komplett schwarz gekleidete Tänzer mit schwarzen Gesichtern durch den Saal und tanzten auf eine so ursprüngliche, aber schöne Weise, wie man es in Deutschland nie sehen würde.

Der Chor sang, die Band spielte, Kinder führten Trommeltänze auf. Preise wurden verlost, Ehrungen ausgesprochen. Kinderspiele wurden angeboten, eine Hüpfburg aufgebaut. An den Tischen saßen alle zusammen und aßen Kuchen, während durch den Saal viele Kinder liefen, es war ein buntes Treiben. Abends gab es noch ein Feuerwerk, obwohl es hier niemals dunkel wird. Doch die Grönländer haben es viel mehr genossen und es als etwas viel Besondereres angesehen als wir Deutschen: Bei jeder Rakete, die gestartet ist, gab es Jubelrufe, bei jeder Rakete haben sich die Menschen gefreut und ihr lange nachgesehen. Schließlich wurden noch Laternen, durch Feuer in die Luft gehalten, gestartet, was bei dem Wind nicht ganz einfach war. Und schließlich spielte am Abend eine Band aus Kulusuk und viele Menschen tanzten (Swing), ob jung oder alt.

Der Nationalfeiertag ist hier wirklich ein besonderes Erlebnis. Es ist DER Tag in Grönland.