Grönland

2017 erhielt ich die Möglichkeit, für drei Monate lang am Ende der Welt in Ostgrönland zu leben. Hier erklimm ich einen Berg nach dem anderen, wanderte auf Gletschern, fuhr mit Jägern zur Robbenjagd hinaus und genoss das Leben im kleinen Ort, in dessen Fjord hunderte Eisberge schwammen. Der Höhepunkt war dabei wohl der Helikopterflug zum Inlandseis und eine zweiwöchige Wandertour, bei der ich als zweiter Guide arbeitete.

Der Wahnsinn der Bürokratie

Am 18.7.2017, Grönland

Es sind nun genau drei Monate vergangen, die ich in Grönland verbringen durfte. Drei Monate, in denen ich die Menschen Tasiilaqs kennen und schätzen gelernt habe, in denen ich unglaublich viele Erfahrungen sammeln durfte und in denen sich Tasiilaq einen großen Platz in meinem Herzen erkämpft hat.

Doch nun muss ich diesen Ort verlassen, der zu einer zweiten Heimat geworden ist. Grund dafür sind die Dänen, die mir keine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erteilen wollen. Es scheitert alles daran, dass ich den Antrag aus Grönland weggeschickt habe anstatt aus dem Ausland. So eine lächerliche Begründung sowie die uneinsichtigen Dänen sind Schuld daran, dass ich jetzt schon meine Koffer packen und weiterziehen muss. Sie akzeptieren keine Begründung, selbst nicht die, dass ich auf eine Erlaubnis der grönländischen Behörden warten musste, bevor ich den Antrag einreichen durfte. Auf meine Begründungen und Klärungsversuche kamen dann lediglich unverschämte Antworten. Der Höhepunkt war wohl die Aussage, dass sie nicht antworten werden, da ich mein Schreiben schriftlich eingereicht habe anstatt anzurufen.

Alle Versuche, doch noch die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis zu erhalten, haben nicht zum Erfolg geführt. Unzählige Telefonate mit den dänischen Behörden um vier Uhr morgens (wegen der Zeitverschiebung) und Emails, die ein ganzes Buch füllen könnten, liegen hinter mir. Ich habe selbst die Deutsche Botschaft in Dänemark und den deutschen Honorarkonsul in Grönland eingeschaltet, der ja eigentlich die Interessen deutscher Bürger im Ausland vertreten sollten. Doch sie alle konnten oder wollten nicht helfen. Lediglich vor Ort haben mir Grönländer geholfen und bis an die Regierung in Nuuk geschrieben.

Das Paradoxe an der ganzen Geschichte ist nun, dass die Grönländer ihr Okay gegeben haben. Ich habe schriftlich von ihnen, dass ich hier bleiben darf – wenn die Dänen zustimmen. Und deren Zustimmung fehlt wegen besagter kleinkarierter Formalität.

Hier sieht man leider wieder einmal, dass Grönland zwar offiziell eine Selbstverwaltung hat, faktisch dürfen die Grönländer jedoch nichts selbst bestimmen. Für alles müssen sie die Dänen fragen, für alles brauchen sie ihre Erlaubnis. Die Selbstverwaltung ist eine reine Schein-Selbstverwaltung, um die Bevölkerung milde zu stimmen. Kein Wunder, dass viele Grönländer mittlerweile die Unabhängigkeit wollen. Sie sind abhängig von den Dänen, denen die Grönländer jedoch total egal sind und ihnen eher noch Steine in den Weg räumen.

Normalerweise hängen sich die Dänen auch nicht an so einer Kleinigkeit auf. Bisher wurde noch nie ein Antrag abgelehnt, der aus dem Inland eingereicht wurde. Hier spielt wohl die Flüchtlingskrise eine entscheidende Rolle. Ob es sich um eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für ein paar Monate oder für immer handelt, scheint sie gar nicht zu interessieren; genausowenig wie das Herkunftsland. Sie werfen einfach alle in einen Topf. So eine Erfahrung lässt einen noch einmal anders über die Flüchtlinge denken. Sie verlassen ihre Heimat, um dem Versprechen auf ein besseres Leben hinterherzujagen. Sie verlassen Freunde und Familie und wagen einen Neuanfang. Wie sie dann von den Behörden behandelt werden, ist einfach nur traurig. Sie werden hingehalten, nur um ihnen am Ende doch demütigend eine Absage zu erteilen. Was momentan menschlich auf der Welt passiert, ist eine Katastrophe. Natürlich bringen sie ihre Kultur mit, ihre Denkweise und auch viele Probleme, doch so eine Behandlung ist einfach unmenschlich. Monatelang auf eine Antwort zu warten und dann doch wieder gehen zu müssen.

Normalerweise wünsche ich mir ja gutes Wetter, doch heute hätte ich alles für einen Sturm gegeben, damit kein Flugzeug landen kann und ich noch einen Tag länger hier bleiben könnte. Doch wenn man einen Sturm braucht, kommt natürlich keiner. So musste ich mich heute leider bei schönstem Wetter von allen verabschieden, was nicht leicht war. Die Menschen hier sind mittlerweile wie eine Familie für mich. Keiner vor Ort möchte, dass ich gehe.

Viggo hat mich heute morgen mit dem Boot nach Kulusuk zum Flughafen gefahren, und dies war die erste Bootsfahrt, die ich nicht genießen konnte. Jeden Kilometer, den wir näher an Kulusuk herankamen, wurde der Wunsch stärker, einfach umzudrehen und zurückzufahren. Mir kam es sogar so vor, dass Viggo immer langsamer wurde, je näher wir unserem erzwungenen Ziel kamen. Keiner möchte, dass ich gehe.

Die beiden Bootsfahrer haben mich bis zum Flughafen begleitet und Anda, der Trommelspieler aus Kulusuk, hat mir schließlich noch am Flughafen Gesellschaft geleistet, bis ich durch die Sicherheitskontrolle musste. Der Flieger hob ab und erlaubte mir einen letzten Blick auf die unzähligen Berge und Fjorde, auf dieses einzigartige Land. Die Eismassen auf dem Meer verschwommen irgendwann mit dem Nebel und Grönland war außer Sicht.

Schon beim Anflug auf Reykjavik fiel mir auf, wie grün die Insel doch ist. Hier gibt es Bäume, die im Wind rascheln, ganze Wälder. Blumen, die bis zu den Knien und höher reichen. Und Gras: Überall gibt es grünes Gras. So schön das Ganze auch scheinen mag, ich vermisse jetzt schon die raue Schönheit der kargen Berghänge Grönlands.

Reykjavik und Grönland unterscheiden sich dermaßen. Hier in Island ist alles so geordnet, alles zubetoniert, überall fahren Autos und sind Menschen, die einfach nur viel zu laut sind. Alle Geräusche sind lauter, als ich sie in Erinnerung habe. Das Quietschen der Busse, das Bremsen der Autos, das Zuschlagen der Türen. Mir wird bewusst, wie frei das Leben in Grönland doch ist, so schwer es auch sein mag.

Goodbye Greenland.