Finnland

Seit ich das erste Mal im Jahr 2012 nach Finnland kam, bin ich von diesem Land fasziniert. Diese Weite, diese Wildnis, diese simple Schönheit des Landes. Daher musste ich einfach zurückkehren: Im Winter 2013 / 2014 sowie Winter 2017 / 2018 lebte ich in Finnland, um als Guide Hundeschlittentouren zu führen. So fuhr ich fast täglich mit bis zu 33 Hunden hinaus, um auch anderen diese einmalige Winterwelt zu zeigen.

Saisonende

Am 13.4.2018, Finnland

Nun ist es also soweit: Die Saison ist wirklich zu Ende. Alle Gäste sind wieder abgereist, der Scooter ist verräumt, alle Schlitten stehen wieder in der Garage und die Hunde haben nun ihre wohlverdiente Sommerpause. Die Saison ist tatsächlich vorbei. So richtig glauben kann ich es immer noch nicht, das braucht wohl noch ein paar Tage, bis es wirklich angekommen ist.

Wenn ich zurückblicke auf das letzte halbe Jahr, dann muss ich sagen, dass ich wirklich unglaublich viel gelernt habe. Am Anfang wird man ins kalte Wasser geschmissen, hat plötzlich die Verantwortung für 30 Hunde plus Gäste, muss herausfinden, was unterwegs funktioniert und was nicht. Ich habe in diesem halben Jahr einfach so viel gelernt. Von Gruppendynamiken über den Umgang mit den Gästen, über die Hunde, bis hin zu den Kleinigkeiten, die für die Gäste den Unterschied zwischen einem guten Urlaub und einem einmaligen Erlebnis machen. Ich kann nur sagen, mit jedem Tag wächst man, und man wächst mit seinen Aufgaben. Während man am Anfang natürlich noch etwas unsicher ist, nicht sicher sein kann, ob die gewählte Problemlösung wirklich die Beste ist, ist man nun am Ende der Saison selbstbewusst hinausgefahren und wusste ziemlich genau, was wann zu tun ist.

Doch natürlich sind alle Touren nicht reibungslos verlaufen. Von kämpfenden Hunden, über kämpfende Menschen bis hin zu Bäumen auf dem Weg oder einem nicht sichtbaren Trail kam alles mal vor. Doch wenn man da draußen ist, dann ist man auf sich alleine gestellt. Egal, was für eine Aufgabe oder Hürde auch kommen mag, man muss einfach eine Lösung dafür finden. Dort draußen kann man sich nur auf sich selbst verlassen, sonst auf niemanden. Ein guter Guide ist in erster Linie also Problemlöser - denn die Gäste kommen hierher, um einen problemlosen Urlaub zu verbringen, wo sie sich um nichts Gedanken machen müssen.

Doch unterwegs wollen sie natürlich auch unterhalten werden. Das ist wohl die zweitwichtigste Aufgabe eines Guides: Die Gäste bei Laune halten. Und wenn es -30°C sind oder bei strömendem Regen noch 20 Kilometer vor einem liegen. Man muss die Gäste immer bei guter Stimmung halten. Was manchmal gar nicht so einfach ist. Doch mit guten Geschichten und Humor kann man so einiges erreichen.

Dann ist jeder gute Guide natürlich noch ein Outdoor-Mensch. Feuer machen, Bäume fällen, Essen kochen, die Natur kennen, navigieren, Tierspuren lesen, mit Axt und Messer umgehen... All das ist der Grundbaustein in diesem Business und muss man so nebenläufig bewerkstelligen können, da andere Aufgaben die ganze Aufmerksamkeit beanspruchen - wie z.B. die Hunde oder die Gäste. Wie viele Feuer ich dieses Jahr schon gemacht habe, kann ich gar nicht sagen. Allein auf der Arbeit werden es um die 100 gewesen sein. Plus die Feuer auf den eigenen Touren und zu Hause - denn wir haben mit Holz geheizt.

Und in schwierigen Situationen wird von einem auch immer erwartet, souverän zu handeln. Manchmal möchte man sich am liebsten einfach auf seinen Scooter setzen und ans Ende der Welt fahren, alles hinter sich lassen, weil vielleicht manche Gäste einfach total schwierig waren. Doch stattdessen handelt man, macht das Beste aus der Situation und erzählt dann vielleicht einem der Hunde auf Finnisch, wie blöd der Tag doch war.

Wobei ich wirklich sagen muss, dass es keine Handvoll Tage gab, an denen ich keine Lust auf die Touren hatte. Jeder Tag war anders als der vorherige: Die Hunde, die Landschaft, die Gäste. Und eigentlich alle Touren waren wirklich schön. Man hat sich gut mit den Leuten verstanden, die Hunde liefen, meistens konnte man sich einfach nur glücklich schätzen, den Winter an solch einem Ort verbringen zu dürfen, den Scooter durch die Weiten zu fahren und mit den Hunden zu arbeiten.

Die Hunde waren wirklich grandios. Sie liefen und liefen und machten wirklich nur wenige Probleme. Klar, mal verheddert sich ein Hund, mal hat einer keine Lust zu laufen oder zwei Hunde kriegen sich in die Haare, doch im großen und ganzen hat das Rudel gut funktioniert. Nach der Saison kann ich auch wirklich sagen, was für eine Veränderung im Team stattfand: Am Anfang haben die Hunde einen ausgetestet, haben die Grenzen ausgemacht, am Anfang gab es einfach viel mehr Probleme als am Ende. Denn dann haben die Hunde einen wirklich komplett als Chef akzeptiert und ein Wort hat meistens gereicht, um den Hunden zu verstehen zu geben, dass sie etwas nicht tun sollen. (Bis vielleicht auf Ganjak, der auch am Ende einfach nicht verstehen wollte, dass er nicht die Leinen zerbeißen darf.)

Insgesamt sind "meine" Hunde diesen Winter 2.050 Kilometer gelaufen, was wohl wirklich eine gute Leistung ist. Und das in allen Bedingungen: Von -30°C bis warmen +7°C, von Tiefschnee bis hin zu Eis, von November bis April. Diese Hunde sind einfach Wahnsinn und ihnen gebührt mein größter Respekt. Sie haben sich ihre Sommerpause mehr als verdient.

Und dann sind da natürlich noch die Kollegen: Während man sich am Anfang erst noch kennen lernen muss, sind wir während unserer gemeinsamen Zeit hier wirklich zusammengewachsen und zu einem Team geworden. Es war eine wunderschöne Zeit und eine richtig gute Zusammenarbeit zwischen uns Kollegen im Kennel, an die ich gerne zurückdenke.

Nun ist die Saison also tatsächlich vorbei, unsere Wege trennen sich wieder, man zieht weiter in neue Jobs, neue Regionen, in einen neuen Sommer - und für mich geht es weiter, doch ohne die Hunde, die ich wohl unglaublich vermissen werde.