Finnland

Seit ich das erste Mal im Jahr 2012 nach Finnland kam, bin ich von diesem Land fasziniert. Diese Weite, diese Wildnis, diese simple Schönheit des Landes. Daher musste ich einfach zurückkehren: Im Winter 2013 / 2014 sowie Winter 2017 / 2018 lebte ich in Finnland, um als Guide Hundeschlittentouren zu führen. So fuhr ich fast täglich mit bis zu 33 Hunden hinaus, um auch anderen diese einmalige Winterwelt zu zeigen.

Die Rentierjagd

Am 4.3.2018, Finnland

Immer wieder sieht man hier im hohen Norden Rentiere auf dem See, direkt vor der Haustür. Wo jeder jetzt wohl vor Freude aufschreien wird und möglichst schnell seine Kamera herauskramt, können wir nur den Kopf schütteln und darauf hoffen, dass sie so schnell wie möglich verschwinden. Denn natürlich begegnet man immer nur Rentieren, wenn man auf einer Tour mit 30 Hunden unterwegs ist. Und Rentiere und Hunde vertragen sich einfach nicht. Das ist eines der nordischen Naturgesetze.

So auch heute: Wir (der Kollege und ich mit je 30 Hunden) sind auf eine kurze Tour gestartet und - wie könnte es auch anders sein - trabt direkt vor dem Kollegen eine Rentierherde von 20 Tieren auf den See. Eigentlich sollte man ja meinen, dass die Rentiere natürlicherweise Abstand von den Hunden halten würden, doch so ist das nicht. Rentiere sind einfach dumm. Das ist das nordische Naturgesetz Nummer Zwei. So bleiben sie also fünf Meter neben dem Trail stehen und natürlich kommt da der Jagdinstinkt bei den Hunden auf.

Und die Rentiere schauen hin und her und kommen einfach nicht darauf, sich doch einmal ein paar Meter weiter weg zu bewegen. Man sieht es richtig in ihren Köpfen rauchen: "Was sollen wir jetzt bloß tun? Da sind Hunde neben uns!" Auf die naheliegenste Möglichkeit - nämlich sich einfach etwas zu entfernen - kommen sie natürlich nicht.

Stattdessen laufen sie kreuz und quer, hin und her, bis sie schließlich meinen, zwischen zwei Hundeschlittenteams durchtraben zu müssen. Kläffende Hunde hier und dort und dazwischen Rentiere, die im Slalom um die einzelnen Teams laufen....

Da bleibt es uns nur übrig, zu beten, dass niemand vom Schlitten fällt; denn fünf oder sechs freilaufende Hunde im Jagdfieber würden ohne zu zögern ein Rentier töten.

Und so begann also eine weitere Rentierjagd: Während der Kollege versucht hat, seine Teams halbwegs im Zaum zu halten, bin ich mit dem Scooter einmal hinter den Rentieren hinterher, um sie endlich von den Hunden wegzubringen. Mal muss man Gas geben, mal bremsen, damit die ganze Herde auch wirklich mitkommt und alle Rentiere in die gewünschte Richtung laufen. Und dann laufen die Rentiere gerade 10 Meter weit an den Hunden vorbei, und plötzlich sieht man, dass sie abbiegen wollen; und zwar genau in Richtung meiner Hundeschlitten, die nur darauf warten, dass eines der Tiere in ihre Nähe kommt... Also noch einmal leicht die Richtung ändern, ihnen den Weg abschneiden und möglichst weit weg treiben. Willkommen im Alltag eines Hundeschlittenguides.

Schließlich blieben wir also zurück mit insgesamt 60 verrückt gewordenen Hunden, die nichts lieber tun würden, als den Rentieren hinterherzuhetzen. Und weil die Rentiere ja immer wieder im Kreis um die Hunde gelaufen sind, konnten die Gäste ein Erlebnis der besonderen Art genießen: Das große Hundekarussell! Denn die Hunde drehen sich alle immer in die Richtung der Rentiere und nur die Bremse am Schlitten hält sie zurück. Und so drehte sich ein Team nach dem Anderen im Kreis, hier hin und dorthin, immer mit Blick in Richtung der Rentiere. Und das auf der ersten Fahrt der Gäste...

So toll dieses Erlebnis für die Gäste auch ist, für uns ist es als Guide natürlich immer anstrengend und nervenaufreibend. Doch ja, ich muss gestehen, für den Abenteurer in mir gibt es kaum etwas schöneres, als mit dem Scooter eine Rentierherde vor sich herzutreiben... Da fühlt man wirklich den Norden, die Wildheit und Schönheit dieses Landes.