Finnland

Seit ich das erste Mal im Jahr 2012 nach Finnland kam, bin ich von diesem Land fasziniert. Diese Weite, diese Wildnis, diese simple Schönheit des Landes. Daher musste ich einfach zurückkehren: Im Winter 2013 / 2014 sowie Winter 2017 / 2018 lebte ich in Finnland, um als Guide Hundeschlittentouren zu führen. So fuhr ich fast täglich mit bis zu 33 Hunden hinaus, um auch anderen diese einmalige Winterwelt zu zeigen.

Das Leben und der Tod

Am 20.2.2018, Finnland

Jeden Tag arbeitet man mit den Hunden, jeden Tag sieht man sie, sorgt sich um sie, streichelt sie. Jeden Tag ist man bei ihnen, und sie zaubern einem immer das Lächeln aufs Gesicht. Doch dann - ganz plötzlich - fehlt ein Hund im Rudel. Ist einfach tot, ohne Vorwarnung. Ohne irgendein Zeichen.

Bei 160 Hunden und einer Lebenserwartung von 10 bis 15 Jahren kann man sich ausrechnen, dass jeden Winter ein paar sterben werden. Das ist einfach so und das weiß man auch, bevor man so einen Job annimmt. Doch trotzdem ist es immer seltsam, wenn einer dieser einzigartigen Tiere uns verlässt. So haben wir heute morgen mit unserer täglichen Arbeit begonnen und mussten feststellen, dass gleich zwei Hunde in derselben Nacht gestorben sind. Kaiku und Moona. Einfach tot.

Bei Moona haben wir damit gerechnet: In letzter Zeit ging es ihr sehr schlecht, sie war viel zu dünn obwohl sie mehr als genug Futter bekam. Sie war einfach krank. So sehr ich keinem Hund den Tod wünsche, so war es für sie wohl doch eine Erlösung. Trotzdem ist es nicht schön, beim Betreten des Geheges feststellen zu müssen, dass nur drei Hunde schwanzwedelnd auf einen zulaufen und einer leblos auf dem Boden liegen bleibt.

Kaiku hingegen hat uns überraschend verlassen. Niemand hat damit gerechnet. Nur vier Tage zuvor war er mit mir auf einer Tagestour und war ganz normal: Er hat gearbeitet und sich wie immer mit voller Kraft ins Geschirr geworfen; hat "sein" Hundegespann sicher angeführt, hat immer den richtigen Weg gewählt, sich wie immer bei jeder Pause hingesetzt und sich über jede Streicheleinheit gefreut. Kaiku gehörte mit zu den besten Hunden des gesamten Kennels.

Doch der Tod gehört zum Leben dazu; er macht das Leben erst lebenswert. Mir wird wieder einmal bewusst, dass die Tatsache des Todes das Leben so wertvoll macht: Man muss jede Sekunde nutzen; einfach das tun, was man liebt. Denn was bringt es, sein Leben lang zu schuften, nur um auf der Karriereleiter ganz oben zu stehen und am Ende ist man doch nichts als Wasser und Staub. Wenn ich mir die Hunde anschaue, sehe ich in ihren Augen den Sinn des Lebens: Sie tun, was sie lieben. Sie laufen und laufen, und freuen sich daran so sehr, wie es wohl kein Mensch je könnte. Wenn sie laufen, sieht man ihnen die Freude wirklich an: Wenn sie schwanzwedelnd auf den Startschuss warten, wenn sie sich mit einem Kläffen ins Geschirr werfen, wenn sie auch nach 30km immer noch weiter wollen. Sie haben den Sinn des Lebens erkannt, und das ist wohl das Größte, was wir von ihnen lernen können. Alle Hunde leben im Augenblick, im Hier und Jetzt und schwelgen nicht wie wir in der Vergangenheit oder der Zukunft.

So können wir auch von ihnen lernen, dass der Tod einfach dazu gehört, dass es etwas ganz natürliches ist. Wenn man sein Leben gelebt hat, verliert auch der Tod seine Bösartigkeit. Dann wenn man zurückblickt auf sein Leben, dann kann man mit einem Lächeln gehen und sagen, man hat es gelebt, jeden Augenblick.

So sind Kaiku und Moona nun im Hunde-Himmel, wo sie hoffentlich mit Leckerlis überschüttet werden und jeden Tag das tun können, was sie lieben. Und hin und wieder blicken sie hinab auf die Erde, zu ihrem Rudel und das Rudel blickt hinauf und sieht die beiden in den Nordlichtern tanzen...