Finnland

Seit ich das erste Mal im Jahr 2012 nach Finnland kam, bin ich von diesem Land fasziniert. Diese Weite, diese Wildnis, diese simple Schönheit des Landes. Daher musste ich einfach zurückkehren: Im Winter 2013 / 2014 sowie Winter 2017 / 2018 lebte ich in Finnland, um als Guide Hundeschlittentouren zu führen. So fuhr ich fast täglich mit bis zu 33 Hunden hinaus, um auch anderen diese einmalige Winterwelt zu zeigen.

Aus dem Tagebuch eines Hundeschlittenguides

Am 27.3.2018, Finnland

Als Guide erlebt man so einiges: Von kämpfenden Hunden über streitende Gäste, Ehekriege und Erfrierungen, bis hin zu seltsamen Beschwerden, falschen Vorstellungen und großen Missverständnissen...

So habe ich hier einmal ein paar lustige oder auch nur seltsame Stories gesammelt, die sich tatsächlich so zugetragen haben.

Erwartungen an einen Guide

Manchmal beginnt die Tour schon vor dem Start, seltsam zu werden. So meinte einmal ein Gast mit todernstem Blick zu mir, dass er von mir als Guide erwartet, dass ich ihm Wolfsspuren zeige. Wie bitte? Wolfsspuren? Ja, ganau, denn die fehlen noch auf ihrer Liste, die haben sie noch nicht gesehen. Äh, ja, klar, ich kann alle möglichen Tierspuren ja auch auf Knopfdruck bestellen... "Das hier ist die Wildnis und kein Zoo", sollten wir vielleicht in der Tourenbeschreibung erwähnen.

Oder die Gäste kommen in den Kennel und fragen, ob sie sich selbst die Hunde aussuchen können. Ja, klar, sucht euch die optisch schönsten Hunde aus und ich kann euch garantieren, ihr kommt mit dem Schlitten keine drei Meter weit. Am Besten noch die großen Rüden. Denn - wie bei Hunden üblich - verstehen sich nicht alle miteinander. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie die Gäste um z.B. Tobi (schwarz-weiß, mit blauen Augen) streiten, nur um dann nach drei Stunden Streit festzustellen, dass die ausgesuchten Hunde alles andere im Sinn haben, als den Schlitten zu ziehen.

Die Einweisung ins Hundeschlitten-Fahren

Sobald alle Gäste da sind, geben wir die Einweisung und erklären, wie alles funktioniert. Meist hören die Gäste auch zu, doch manchmal drehen sie sich einfach mitten drin um, und gehen zum nächstbesten Hund, weil er ja so schön aussieht und unbedingt gestreichelt werden muss. Und dann kommen am Ende Fragen wie "Wo ist denn die Bremse?" oder "Wie lenke ich denn den Schlitten?"

Oder das übliche "Das sollst du doch nicht machen!", am Besten noch kombiniert mit einem Streicheln. Klar, da versteht jeder Hund, dass er etwas schlechtes gemacht hat. Man muss sich einfach darüber im klaren sein, dass Huskies ihren eigenen Willen haben und jeden erst einmal austesten, bevor sie ihn als Chef akzeptieren. Man muss sich durchsetzen, nur dann hören die Hunde auf einen. Und wenn sie dem Menschen gegenüber keinen Respekt haben, zeigen sie das auch. Sie würden niemals einen Menschen verletzten, aber so manch anderer Unfug kommt ihnen manchmal in den Sinn. Wie z.B. das Bein eines Gastes zu markieren, weil es ist ja "sein" Gast, der in streichelt und mit dem der schlaue Husky alles machen kann, was er will. Und wenn sich der Gast beschwert, möchte man manchmal am liebsten antworten: "Tja, er respektiert dich halt einfach nicht. Selbst schuld."

Es sind aber nicht immer nur die Gäste, über die man schmunzeln muss, sondern manchmal auch die Hunde. So war einmal Akita läufig, und Sepp, einer meiner größten und stärksten Hunde, war an der Kette direkt neben ihrem Gehege. Ein Rüde und eine läufige Hündin nebeneinander wollen natürlich nur das Eine. Doch "leider" trennte ein Zaun die beiden. Wir Menschen sind schon wirklich Spielverderber. Doch um Sepp war es geschehen, er machte an Ort und Stelle Liebe, und weil Akita ja nicht zu erreichen war, vergnügte er sich eben alleine.

Doch natürlich standen alle Gäste mit dem Rücken zu ihm und konnten das Spektakel nicht sehen - nur ich, die verzweifelt versuchte, die Fassung zu bewahren, nicht laut loszulachen und eine professionelle Einweisung ins Hundeschlittenfahren zu geben...

Als Erster im Ziel - um jeden Preis

Dann geht es endlich los, die Hunde können laufen, sind zufrieden. Doch die Gäste bleiben manchmal schwierig. So gibt es manchmal Hundeschlittenfahrer, die meinen, sie würden ein Rennen fahren. Sie müssen also unbedingt als Erster im Ziel ankommen. Und so rennen sie fast die gesamte Tour mit, damit sie ja möglichst schnell unterwegs sind und alle anderen Schlitten weit hinter sich lassen. Doch bei -20°C ist das einfach keine gute Idee. Denn wenn man schwitzt, friert man kurz darauf. Und das kann gefährlich werden. Und dann klärt man den Gast darüber auf, doch bitte nicht zu schwitzen, und kaum fährt man weiter, sieht man ihn schon wieder hinterm Schlitten herrennen... Manche sind einfach hoffnungslos.

Das magische Feuer

Bei den Tagestouren machen wir zwischendurch eine Pause am Feuer, wo wir Suppe essen und natürlich - nach finnischer Tradition - Kaffee trinken. Vor der Pause fahre ich meist mit dem Motorschlitten vor, einfach um alles vorzubereiten und das Feuer schonmal anzuzünden. Und dann kommen die erstaunten Gäste und fragen immer wieder: "Hast du das Feuer gerade eben gemacht?" Da würde ich am liebsten manchmal so antworten: "Nein, wir haben hier in Finnland das magische Feuer, das niemals ausgeht" oder aber "Ne, der Chef fährt immer vor und zündet das Feuer an, bevor wir hier ankommen".... Da wird er sich bestimmt freuen, wenn ich ihn darum bitte...

Kulturschock

Einmal kamen die Gäste zum Feuerplatz, und eine schrie fast auf: "Iiiihhh, was ist das denn????" - und zeigte auf das schöne, saubere Rentierfell, das auf der Bank lag. In aller Ruhe erklärte ich ihr, dass dies ein Rentierfell sei, und konnte ihren angeekelten Blick einfach zu deutlich sehen. Kurz hatte ich die Befürchtung, dass sie sich weigern würde, sich dorthinzusetzen, was zum Glück jedoch nicht eintrat. Doch was würde passieren, wenn ich ihr erzähle, dass wir heute Rentierfleisch auf dem Brot haben??

Eigentlich alle Gäste wollen das Abenteuer, wollen etwas anderes erleben, neue Erfahrungen sammeln. Doch manche wollen einfach nie aus ihrer Komfortzone treten und alles, was anders ist als zu Hause, ist von Grund auf schlecht... Wieso reist man denn dann überhaupt, frage ich mich manchmal.

Sorry, I don't understand

Die meisten Gäste bei uns sind Deutsche. Da hab ich es natürlich einfach. Was bei den Kollegen manchmal nicht der Fall ist. Hin und wieder kann wirklich gar keiner in der Gruppe Englisch, da können einem die Kollegen manchmal wirklich Leid tun. Doch wir mussten feststellen, dass Deutsche nicht gerne zugeben, dass sie etwas nicht wissen oder nicht können. Ein Kollege zeigte seinen Gästen einmal Tierspuren:

"Here is a track of a wulverine. Do you know what it is?"

"Yeah, sure."

"Can you translate it to german?"

"Well, I always call it wulverine..."

Dafür habe ich manchmal Schwierigkeiten, mich mit meinem Chef zu verständigen. Mein Finnisch ist halt einfach nicht gut genug. Als vor vier Jahren hier ein Hund, Axel, starb und ich bei ihm war, wollte ich das natürlich dem Chef berichten. Also hab ich ihn angerufen:

"Hey, Axel is dead."

"Yeah, he is in very bad shape."

"No, he is dead. It's over! He is gone!"

"Yes, he is bad, we will see."

"No, he is dead. Dead!"...

Keizars Leibspeise

Mache Hunde hier lieben es einfach, Handschuhe zu essen. Was daran so lecker sein soll, kann ich wirklich nicht sagen. Bei Keizar hab ich manchmal sogar das Gefühl, dass er Handschuhe dem richtigen Futter vorzieht. Es ist wirklich ein Rätsel, wie dieser Hund noch am Leben sein kann, so viele Handschuhe, wie er schon verspeist hat.

So hat ihn einmal ein kleines, vierjähriges Mädchen durchs Gitter gestreichelt, und er hat natürlich - so schlau wie er ist - ganz vorsichtig den Handschuh von der Hand gezogen, nur um freudig sein Festmahl zu beginnen. Ich kam leider ein paar Sekunden zu spät, um die Reste des Handschuhs noch zu retten.

Natürlich wollte ich das dem Chef erzählen und zückte wieder mein Handy:

"Hei, Keizar just ate a glove."

"Dina?"

"No, Keizar!"

"Honda?"

"No, Donna and Keizar. Keizar!"

"Keizar?"

"Yeah!"

"Äh, I don't understand."

"He ate a glove."

"A glass?"

"No, a glove..."