Deutschland

Wenn man so viel in der Welt unterwegs ist, vergisst man schnell, wie schön die eigene Heimat doch auch sein kann. Oder erst dann erinnert man sich daran. Meist führen mich nur Familienbesuche zurück nach Deutschland und für diese Zeit ist es auch unglaublich schön, in der Heimat zu sein, doch spätestens nach zwei oder drei Monaten ruft wieder die Weite der Welt und es heißt erneut: Aufbruch ins Abenteuer!

Rückkehr auf Zeit

Am 10.5.2018, Deutschland

Nun bin ich also wieder zurück in Deutschland - und zwar mit sehr gemischten Gefühlen. Gerade auf dem Weg zurück wurde mir wieder einmal bewusst, dass man in der heutigen Zeit viel zu schnell von einem Ort zum nächsten reisen kann. Da stand man gerade noch auf Ski und hat die unendliche finnische Weite bestaunt, nur um im nächsten Moment im Trubel des Frankfurter Flughafens unterzugehen. Der Körper ist schon im neuen Land angekommen, aber der Geist noch lange nicht. So braucht es immer seine Zeit, solche Ortswechsel zu verarbeiten. All die Eindrücke zu verarbeiten. All die Menschen, all die Autos, all den Lärm. Gerade wenn sich die Flugzeugtür öffnet, wird man von dieser "neuen" Welt beinah erschlagen.

All die Menschen hasten hinaus, drängen sich hinaus, alle wollen die ersten sein, die den Flughafen verlassen. Es wird beinah ein Kampf, nur um als Erstes am Gepäckband zu stehen und sich dort dann zu ärgern, dass das Gepäckband still und bewegungslos vor einem liegt und erst in vielen, vielen Minuten den eigenen Koffer bringen wird.

Sollen sie sich doch darum kämpfen, die Ersten zu sein. Diese Hektik ist wohl für kein Land typischer als für Deutschland. Doch mit dem Gedanken an den langsamen Schneefall, an die arbeitenden Hunde vor dem Schlitten, an die Weite, die Langsamkeit und Stille des Nordens kann man sich wohl einfach nicht mehr an diesem Kampf beteiligen. So kann man einfach nur aus dem Fenster schauen und darauf warten, bis das Flugzeug leer ist, um es als letzter zu verlassen und sich bei den Stewardessen mit einem zögerlichen Lächeln zu verabschieden.

Denn vor einem liegt ein Land, dass für mich immer unverständlicher wird. Jeden Tag, den ich im Norden verbringe, entfremde ich mich wohl von den Angewohnheiten Deutschlands.

Auf dem Weg zum Gepäckband hat man noch ein paar Schritte Zeit, sich auf dieses unbekannte Land vorzubereiten: Der Weg durch den Tunnel bis zum Gebäude wird zur Ewigkeit. Noch umgibt einen eine gewisse Ruhe. Nicht die Ruhe des Nordens, nicht diese friedliche Ruhe, sondern Deutschlands Ruhe, die niemals wirklich ruhig ist. Denn man hört doch immer Menschen in der Ferne reden, Maschinen arbeiten, Turbinen sich drehen.

Ein paar letzte Schritte und man ist gezwungen, einzutauchen in das Getümmel des Flughafens. Am Gepäckband drängen sich alle Fluggäste, kämpfen beinah um die vorderste Reihe - und das, obwohl das Gepäckband immer noch in der nordischen Ruhe daliegt und sich keinen Millimeter bewegt. Etwas entfernt liegt der Sondergepäckschalter, mit einer großen, freien Fläche davor, die nur von meiner rot-schwarzen Skitasche geschmückt wird.

Kaum einer reist mit Sondergepäck. Kaum einer macht außergewöhnliche Touren. Kaum einer geht raus, und entdeckt die Welt auf eine so ursprüngliche Art. Die meisten fliegen mit ihrem Standard-Koffer, dazu das Standard-Handgepäck: Ein kleiner Trolli in genau den vorgegebenen Maßen. Und wohin? Zu den Standard-Zielen, den Standard-Hotels, den Standard-Stränden. In dieser Welt wird zu viel gleich gemacht, zu viel an die gleichen Orte gereist, zu viele Menschen tun das Gleiche, immer und immer wieder. Es gibt keinen Individualismus mehr - zumindest nicht mehr in den Großstädten Europas.

Natürlich wird mir nun jeder widersprechen, der in einer Großstadt lebt. Wie könnte es auch anders sein. Ich glaube fest daran, dass jeder Mensch anders ist, dass man von jedem etwas lernen kann. Doch so viele Menschen lassen sich in die gleichen Strukturen zwängen, nur um dann festzustellen, dass sie doch eigentlich etwas ganz anderes wollten und doch nicht ganz so zufrieden mit ihrem Leben sind, wie sie es gerne wären.

Ich hoffe, meinen Gästen im hohen Norden zeigen zu können, dass es auch anders geht. Dass man seinem Herzen folgen kann, auch wenn es manchmal schwierig ist. Dass man leben kann, auch wenn man wie eine Maschine funktionieren soll. Dass man ausbrechen kann. Und dass es sich lohnt.

Wenn ich darüber nachdenke, was innerhalb eines Jahres passiert ist, dann bin ich einfach nur froh. Ich habe so vieles erleben dürfen, so viele einzigartige Menschen getroffen. Ob es nun der Inuit-Jäger nach seinem Robbenfang war, der Helikopterpilot am Rande der Welt, die anderen Guides bei ihrer Arbeit mit den Hunden oder der isländische Bauer, der mir vom letzten Vulkanausbruch erzählte.

Trotz der vielen Rückschläge, die im letzten Jahr passiert sind, haben sich für mich viel mehr Türen geöffnet, als ich hinter mir überhaupt geschlossen habe. Und das an Orten, wo ich vorher nicht einmal eine Tür gesehen habe. Die Welt da draußen hat so vieles mehr zu bieten, als einen grauen Büroalltag, als die ganzen Vorschriften und Regeln, die uns in Deutschland immer weiter einschränken.

Wenn ich nun hinaus aus dem Fenster blicke, dann sehe ich eine andere Welt, als die, in der ich aufgewachsen bin. Die Häuser und die Bäume stehen zwar immer noch an der gleichen Stelle, und es hetzen immer noch die gleichen Menschen zu ihrem nächsten Termin, aber doch ist diese Welt anders. Weil ich mich wohl verändert habe. Ich blicke durch andere Augen auf Deutschland. Wieso? Ich denke, weil ich die Welt von einem anderen Blickwinkel betrachten durfte. Ein kurzer Blick auf andere Weltansichten. Ein kurzes Blinzeln durch die grönländische Brille, durch die isländische Brille, durch die finnische Brille. Und mit jedem Blinzeln verändert man sich selbst. Mit jedem Abenteuer verändert man sich, mit jeder Begegnung, mit jedem Sieg und mit jeder Niederlage.

Nun ist es schön, wieder die Freunde und Familie zu sehen, doch man merkt einfach, dass man kein Teil dieser Gesellschaft mehr ist. Man kann nicht über die nächste Beförderung reden, über den nächsten Termin, über den nervigen Chef und die blöden Kollegen. Eigentlich will man gar nicht mehr über so etwas reden. Über Outdoor-Ausrüstung vielleicht, und den nächsten Job, über die Vorfreude auf die Zukunft, über die einzigartigen Begegnungen. Vor allem aber möchte man die Gespräche reduzieren auf die wichtigen Dinge, anstatt sinnlos über Konsum, Regeln und die schlechten Zustände von was auch immer zu reden.

Und vor allem möchte man wieder losziehen. Vor allem möchte man wieder raus, auf den kargen Gipfel, auf die Ski, ins Kajak, hinaus in die Welt. Denn sie hat so vieles zu bieten. Und dort ist das Leben einfach, man macht es sich einfach nicht unnötig kompliziert.

Dort lebt man.