Der Kontinent aus Eis

Am 20.2.2020, Antarktis

Wir fahren entlang der Kante eines Eisberges. Hinter uns verschwindet er im Nebel, genauso wie vor uns. Das Radar lässt erkennen, dass dieser einzelne Eisberg sechs Kilometer lang ist. Minuten um Minuten fahren wir an ihm vorbei, und das einzige, was sich langsam ändert, ist die Struktur der Kante des Berges. Es ist ein Tafelberg, ganz flach, bis er zu allen Seiten steil 40 oder 50 Meter ins Wasser fällt, und natürlich noch deutlich tiefer ins Wasser ragt als in die Luft. Die Sonne kommt kaum durch den Nebel durch, die ganze Landschaft ist grau in grau, doch über dem Eisberg ist der Himmel etwas heller, als würde die Kälte vom Eis abstrahlen. Ein Wal schwimmt an der Eiskante entlang, ein paar Vögel, doch sonst ist nichts um uns herum als dieser Eisberg und die Weite der See.

Das ist eine würdige Begrüßung der Antarktis. Nach weiteren zwei Tagen auf See, zwei Tagen mit dem ein oder anderen seekranken Gast nähern wir uns dem gefronenen Kontinent. Vor uns liegen tausende Kilometer an Eis und Land, Inseln und Wasser, von dem wir einen kleinsten Teil erkunden wollen. Unser Ziel ist die Antarktische Halbinsel - die am Einfachsten zu erreichende Gegend in der Antarktis.

Wir erreichen die ersten Inseln der Antarktis. Eis, Steine, Pinguine. Und vor allem Eisberge, die im Fjord schwimmen. Was ich so sehr an der Arktis liebe, können wir hier wiederfinden:

Eis, so weit das Auge reicht. In allen möglichen Formen und Farben. Eishänge, die sich von den spitzen Gipfeln bis zum Meer ziehen, manchmal so steil, dass sie aussehen, als würden sie jeden Moment hunderte Meter hinabstürzen und nur durch die See gestoppt werden. Klippen, rau, kahl und steil, wie sie wohl nur im Norden und im Süden zu finden sind. Und Eisberge im Meer, in allen möglichen Formen und Größen, mal liegen sie dort im Nebel wie riesige verwunschene Städte, von denen man nur die Silhouette erkennen kann. Riesige schwimmende Inseln, die man sich selbst in seinen wahnsinnigsten Träumen so wohl nicht vorstellen könnte.

In der Antarktis werden auch Größenverhältnisse außer Kraft gesetzt. Als würden andere physikalische Gesetze hier gelten. Die Gletscher sind fünf mal so groß wie man annehmen würde, die Eisberge 100 Mal größer als man sich überhaupt vorstellen kann. Die Anzahl der Pinguine überschreiten alles zählbare, und die Vielzahl der Gegenden, die man hier unten entdecken kann, ist absolut nicht greifbar. Wir sehen nur einen kleinsten Teil der Antarktis, so viel Unentdecktes liegt jenseits der Inseln und Gewässer, die wir erreichen können.

Vor allem faszinieren mich aber die Gletscher mit ihren Spalten. Noch nie habe ich so viele Gletscher auf ein Mal gesehen, die komplett durchzogen sind von tiefen Spalten und Seracs. Wenn man sich die Zeit nimmt und diese Gletscher betrachtet, dann kann man sich vorstellen, wie sie langsam im Laufe der Zeit über die Landschaft fließen, immer bergab, denn die Schwerkraft ist eines der wenigen Gesetze, die hier unten die Herrschaft in ihren Händen hält. Wenn Eis über Berge und Steine fließen, entsteht ein unglaublich faszinierendes Phänomen: Ein hartes Material (Eis) fließt wie Wasser, was es ja schlussendlich auch ist; und wenn es über einen kleinen Hügel fließt, reißt es an manchen Stellen auf, während es an anderen stellen zusammengestaucht wird. Hier stürzt sich das Eis wie ein Wasserfall über die Klippe, dort sammelt es sich an den Küsten und wird hinausgetragen aufs Meer, während es aber gleichzeitig noch festgehalten wird von dem Eis am Land, als würde es sich schwer fallen, sich von seiner "Familie" zu trennen. Es ist wie ein Wasserfall in Zeitlupe, als würde man jegliches Zeitkonzept außer Kraft setzen, um sich diesem einen kleinen Augenschlag zu widmen, ein Menschenleben lang.

All die Formen, all die Risse, all die Bewegung eingefroren in der Zeit macht diese Gletscher zu etwas ganz Besonderem.

Doch die Antarktis hat mehr zu bieten als Eis: Tausende von kleinen Pinguinen bevölkern die Inseln und Eisberge. Schon am Geruch kann man oft erkennen, dass eine Schar von Pinguinen in der Nähe ist, und spätestens wenn sie einem in den Weg laufen kann man sie wohl nicht mehr übersehen. Zu Hunderten sitzen sie auf ihren Steinen, mitten im Nirgendwo, füttern ihre Kleinen, manchmal mit einer Aussicht die die besten Villen der Welt neidisch werden lassen könnte.

Es macht Spaß diese Tiere zu beobachten, wie sie sich gegenseitig ins Wasser schubsen, oder versuchen mit Schwung auf den höchsten Eisberg zu fliegen, und sich dann doch nicht am steilen Eis halten und Kopfüber und mit mehreren Saltos wieder zurück ins Wasser fallen. Oder wie die Eltern mit Futter vor den Kleinen davonlaufen, und sich nur hin und wieder um drehen und ihnen einen kleinen Bissen abgeben, damit sich die Muskeln der Kleinen aufbauen. Oder wie sie alle ihre Schnäbel in die Luft strecken, wenn Raubmöven über die Kolonien fliegen, und sich die Jungen alle wegducken und so klein machen wie möglich.

Wenn man Glück hat, dann stimmen auch die Schnee-, Wetter- und Eisverhältnisse und man kann in der Antarktis campen. Obwohl dies meine erste Tour in der Antarktis war, durfte ich das Camp leiten, und gemeinsam haben wir alle Zelte aufgebaut und eine echt schöne zeit auf der kleinen Insel verbracht, umgeben von Eis und noch mehr Eis. Ein ganz besonderer Ort für ein Zelt.

Manchmal zeigt sich dann in der Antarktis das Licht, das man nur so in den arktischen Regionen vorfinden kann. Wenn das Eis anfängt zu brennen, wenn die Berge und Gletscher orange und pink leuchten, wenn der Himmel am Glühen ist, dann möchte man keine Sekunde an Deck verpassen. Wir hatten auch einen Abend das Glück, diese besondere Antarktis-Stimmung erleben zu dürfen, und selbst wenn es etwas kalt wird an Deck kann man bei solch einem Licht einfach nicht zurück in seine Kajüte gehen.

Doch die Geschichte bleibt in der Antarktis auch nicht aus, obwohl es ein Kontinent ist, in dem es keine Ureinwohner gibt, und nur Touristen und Forscher ihren Fuß aufs Land setzen. Doch hunderte von Expeditionen sind tiefer und tiefer in die Antarktis vorgedrungen und haben ihre Geschichte hinterlassen, ebenso wie alte Steinhütten, oder Überreste vom Wal- und Robbenfang. Über diese Expeditionen zu lesen und dann tatsächlich an diesem Ort zu stehen in die Überreste mit eigenen Augen zu sehen, lässt einen diese Geschichten nochmal ganz anders verstehen.

Wenn ich zurückdenke an die Antarktis, dann denke ich vor allem an das Eis, und noch mehr Eis, und die Robben, die auf den Eisschollen lagen. An die riesigen Gletschern, an denen man entlanggefahren ist, und vor allem an die Tafeleisberge, die auf der einen Seite aus dem Nebel hervorkommen und Kilometer vor einem wieder im Nebel verschwinden. Wenn ich an die Antarktis denke, dann sind es die Eisklippen, die vor meinem inneren Auge wieder hochkommen. Und der Wunsch, dieses Land mit Schiff und Ski weiter zu erkunden, vorzudringen in südlichere Gebiete, um diesen Kontinenten wirklich verstehen zu können.