Was man Gästen nie erzählt

Am 16.1.2018, Finnland

Was man seinen Gästen erzählt oder seinen Kollegen, unterscheidet sich in dem Job als Guide wohl oft extrem. Während man Fehler der Gäste mit einem Lächeln und manchmal Humor hinnimmt, kann man sich gegenüber den Kollegen so richtig über diese blöden Gäste auslassen, die wohl nie richtig verstehen werden, wie man einen Hundeschlitten fährt.

Meistens sind es die Gäste, die andauernd vom Schlitten fallen, die einem das Leben nicht leicht machen. Und gerade wenn dies am Start passiert, möchte man sie manchmal am liebsten verfluchen. Schlimmer sind allerdings noch die Gäste, die einfach so einen anderen Hundeschlitten überholen. Dabei sagen wir doch bei jeder Einweisung, dass sie niemals einen anderen Schlitten alleine überholen sollen, da die Hunde dann kämpfen oder sich verheddern könnten. Und wenn dies dann noch am Start passiert, dann möchte man am liebsten den Gästen sagen, dass sie doch bitte die Strecke zu Fuß laufen sollen.

Doch auch davon gibt es noch eine Steigerung: Die Gäste, die einen Hundeschlitten halb überholen, und dann genau neben einem anderen Schlitten stehen bleiben. Die Hunde der beiden Gespanne stehen dann also genau nebeneinander und weil sie ja nicht weiterlaufen können, fangen sie an, mit den andren Hunden zu spielen, sie zu ärgern oder sonstigen Unfug zu treiben. Und dann beginnt das große Chaos...

Oder eben die Gäste auf dem ersten Schlitten, die meinen, es sei eine gute Idee, den Guide auf dem Motorschlitten zu überholen. Sie tun dies manchmal mit so einer Selbstverständlichkeit, dass man eigentlich nur sprachlos zurückbleiben kann. Und von den gleichen Leuten höre ich oft etwas später, dass sie ohne einen Guide hier wohl völlig verloren wären...

Was für die Gäste allerdings wohl selbst am ärgerlichsten ist, ist das dauernde Vom-Schlitten-Fallen. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, einen Hundeschlitten zu lenken, man muss einfach seine Sinne eingeschaltet haben, vorausschauend fahren und vor allem sich entspannen und Spaß haben. Denn wenn jemand verkrampft versucht, sich geschmeidig in eine Kurve zu legen, kann dies einfach nicht gut enden.

Wenn ein Gast vom Schlitten fällt, ist das grundsätzlich kein Problem. Meist landet man ja weich im Schnee. Wenn es allerdings bergab geht, wird es problematisch. Denn dann wird der Schlitten schneller als die Hunde und fährt in diese hinein. Und das kann zu Verletzungen führen. Solange die Hunde gesund bleiben, kann man über alles lachen, wenn aber ein Hund verletzt wird, sieht es anders aus. Und wirklich schlimm wird es, wenn der Gast einem dann nicht einmal sagt, dass der Schlitten in die Hunde hineingefahren ist, sondern man selbst feststellen muss, dass dieser Hund verletzt ist.

Zum Glück sind solche Unfälle selten und Hunde werden auch nur selten verletzt. Verletzungen tragen sie eher von Kämpfen untereinander davon. Es sind einfach Hunde, und Hunde kämpfen hin und wieder. Das liegt in ihrer Natur, und das kann man auch nicht schönreden. Solange der eine Hund dem anderen nur seine Dominanz zeigen möchte, ist noch alles in Ordnung. Wenn sie sich allerdings ernsthaft verletzten, dann spielen wir in einer anderen Liga. So hatte ich heute zum Beispiel einen großen Kampf auf dem See: Drei Hunde sind auf Jade, eine unserer jungen Hündinnen losgegangen, die um sich schnappend auf dem Rücken im Schnee lag. Da hilft es nur noch, sie aus dem gesamten Gespann zu nehmen. Und dann gingen die gleichen drei Hund auf Jades Mutter los...

Es war das erste Mal, dass diese beiden Hunde, Jade und ihre Mutter Una, in meinem Team gelaufen sind. Und es ist immer etwas schwierig, wenn neue Hunde in das Rudel kommen... Doch zum Glück trug auch hier niemand große Verletzungen davon. In solchen Situationen können einen allerdings die Gäste zur Weißglut bringen. Wenn man gerade versucht, die Hunde am Kämpfen zu hindern und dann hört man: "Schau da vorne, da zieht sich ein Hund sein Geschirr aus, da musst du sofort hin!". Als ob ein Hund ohne Geschirr wichtiger wäre als kämpfende Hunde. Und als ob ich das nicht selbst gesehen hätte.

Es gibt dann auch eine handvoll Gäste, die meinen, dass sie die Aufgabe als Guide übernehmen müssen. Diese befinden sich oft auf dem ersten und zweiten Schlitten und sie fahren erst weiter, wenn sie sehen, dass bei allen anderen alles in Ordnung ist. So berichten sie einem auch immer ausführlich, dass alle Schlitten da sind oder bei welchem Schlitten es ein Problem gibt. Und das meist eine Minute, nachdem ich das Gleiche selbst gesehen habe...

Schließlich gibt es noch die Gäste, die sich für schlauer als die Hunde halten und als Experten im Fährten lesen gelten. Die Hunde kennen die Wege, doch ein Mal meinten drei meiner Gäste, dass die Hunde falsch gelaufen sind. Sie haben eben keine Scooterspur im Schnee gesehen. Also haben sie alle drei Schlitten alleine umgedreht, sind zurückgefahren und haben den anderen Weg genommen. Und sind diesen nicht nur ein kleines Stück gefahren, sondern eine halbe Ewigkeit. Und wenn die Schlitten länger nicht kommen, dann begibt man sich natürlich auf die Suche nach ihnen. So fuhr ich also den Trail zurück und musste anhand der Spuren im Schnee feststellen, was passiert war. Und dann begann die Jagd auf meine Schlitten... Zum Glück konnte ich sie wiederfinden und auf den richtigen Weg leiten. Doch in solch einer Situation kommt schon einmal der Gedanke auf: "Diese Deppen...". Man sollte eben niemals glauben, schlauer als die Hunde zu sein.

In der Regel klappt jedoch fast alles problemlos. Die Gäste helfen mit, wollen lernen, wie alles geht. Die meisten lenken ihren Schlitten gut und fallen auch nur selten herunter. Dies lässt einen wohl die problematischen Situationen deutlich intensiver erleben und deutlich besser im Gedächtnis behalten. Und gerade die Husky-Woche mit der Zweitagestour guide ich sehr gerne, denn diese Tour buchen meist die Gäste, die am wenigsten problematisch sind und mit denen die Touren am meisten Spaß machen.