Seit 1 Jahr auf Langzeitreise

Am 31.3.2018, Blick dahinter

Heute ist nun das Jubiläum: Seit genau einem Jahr bin ich auf Langzeitreise. Seit einem Jahr lebe ich meinen Traum, freue mich über jeden neuen Tag. Seit einem Jahr reise ich durch die Welt und habe wohl einen der besten Jobs die es gibt: Als Guide in Norden.

Ein Jahr ist vorbei, und es ist so viel passiert. So viele schöne Erfahrungen durfte ich sammeln, so viele Menschen kennen lernen, so viele Gegenden bereisen. Ganz nach dem Motto:

"Travelling - it leaves you speechless, then turns you into a storyteller" - Ibn Battuta

Die Entscheidung vor einem Jahr

Vor einem Jahr also habe ich mein Studium beendet, und das Jobangebot ausgeschlagen - die wohl beste, aber auch schwierigste Entscheidung meines Lebens. Denn alles, was man kennt, lässt man hinter sich. Einen sicheren Job, die regelmäßigen Gehaltszahlungen. Die eigene Wohnung, das bekannte Umfeld. In den Ländern, die vor mir lagen, gibt es auch keinen Aldi oder Lidl um die Ecke, kein H&M in der Innenstadt und auch keine Sicherheit, die der deutsche Alltag doch vermittelt. Dort, wo ich als Erstes hinging, gibt es nicht einmal Straßen zwischen den Ortschaften oder öffentliche Verkehrsmittel. Nicht einmal Menschen, die ich verstehen konnte. Ob es an der Sprache oder an den gesellschaftlichen Vorstellungen lag.

Vor allem aber lässt man seine Freunde und seine Familie zurück, man bricht alleine auf ins Abenteuer. Von vielen Leuten wird man nie mehr etwas hören - und so reduziert sich die Freundschaftsliste auf das Wesentliche, auf die wahren Freunde. Die, die einen unterstützen. Auch wenn immer wieder die Frage kommt, wann man denn wieder mal in Deutschland sein wird, oder ob man nicht mal irgendwohin ziehen kann, wo man ohne Helikopter und Schiff anreisen kann.

Doch unterwegs lernt man so viele neue Menschen kennen, schließt neue Freundschaften, begegnet anderen Sichtweisen auf das Leben. Man blickt über den Tellerrand hinaus, und mit der Zeit beginnt man manche Unsinnigkeiten der deutschen Mentalität zu erahnen. Wieso sollten z.B. nur 30 Tage Urlaub im Jahr moralisch in Ordnung? Bei mehr wird man sofort schief angesehen. Wieso sollte man nicht seine Zeit nutzen, um die Welt zu entdecken, und das zu tun, was man wirklich tun möchte? Wieso muss man sein Leben schon 10 Jahre im Voraus planen? Es kommt doch eh immer anders, als man es plant. Das ist wohl das größte Geschenk auf Reisen: Man lernt neue Sichtweisen kennen, bricht alte Glaubenssätze, wird sich bewusster, was man tut und warum man es tut.

Die Fragen am Anfang

Gerade am Anfang, gerade auf dem Weg zum ersten Ziel kommen viele Fragen auf. Ist es wirklich das Richtige? Wieso tue ich das überhaupt? Wieso steige ich in einen Helikopter, der mich an den Rand der Welt bringen wird? Wieso?

Doch dann kommt die andere Stimme: "Wieso nicht?" Wieso nicht Neues entdecken, wieso nicht leben, reisen, die Welt für sich entdecken? Vor einem liegen so viele unvorhersehbare Dinge, doch gerade das macht das Reisen aus.

Denn wer hätte erwartet, dass ich in diesem ersten Jahr per Anhalter zwei Monate lang durch Island reise? Wer hätte erwartet, dass ich schon dieses Jahr auf dem Inlandseis Grönlands stehen würde? Wer hätte erwartet, dass ich in den Oman fliegen würde?

Wenn ich in diesem Jahr eines gelernt habe, dann dass es doch immer anders kommt, als man es geplant hat.

Die ersten Schritte in ein neues Leben

Aber fangen wir vorne an. Angefangen hat meine Reise wohl damit, dass ich versucht habe, alles in einen Rucksack zu packen. Alles, was man für einen Sommer in der Arktis so braucht. Alles, was man mitnehmen kann, sind nur ein paar wenige Kilos. Das Wort "Verzicht" erhielt eine neue Bedeutung. Doch dann ging es los, zum Flughafen. Der einen zum nächsten Flughafen brachte. Und zum nächsten. Denn die Reise ans Ende der Welt braucht seine Zeit. Von einer großen Maschine in eine kleine Propellermaschine in einen Helikopter. Und dann war ich dort: In meiner neuen Heimat. Ostgrönland. Dieses Wort hat immer noch etwas magisches an sich. Fjorde voller Eisberge, Jäger in ihren kleinen Booten, das Inlandseis.

Vor mir lagen drei Monate, die man wohl kaum intensiver erleben kann. Fast jeden Tag ging es hinaus in diese raue, großartige Landschaft, ob mit Schneeschuhen oder Wanderstiefeln. Ich habe Freundschaften mit den einheimischen Inuit geschlossen. Diese Menschen kennen gelernt, inklusive ihrer mehr als anderen Sichtweise auf die Welt. Ich habe angefangen, ihre Sprache zu lernen - eine Sprache, die nur an die 2.500 Leute sprechen, die nichts mit irgendeiner Sprache gemein hat, die ich bisher kannte; die nirgends aufgeschrieben ist. Ich wurde zu Jagden zwischen den riesigen Eisbergen eingeladen, auf einen Flug zum Inlandseis. Vor allem aber habe ich in diesen drei Monaten eine komplett unbekannte Welt kennen gelernt - und auch mich besser kennen gelernt. Alte Glaubenssätze über Bord geworfen, und vor allem gelebt und mich auf jeden weiteren Tag gefreut.

Pläne?

Doch meine Zeit dort hat mich vor allem gelehrt, niemals Pläne als sicher anzusehen. Sich niemals darauf zu verlassen. Es kann immer noch anders kommen.

Geplant war es, dort bis September zu arbeiten. Doch die Dänen haben mir keine Arbeitserlaubnis erteilt. Meiner Meinung nach aus fremdenfeindlichen Gründen - offiziell hieß es, mein Antrag wurde abgelehnt, weil ich ihn aus dem Inland statt aus dem Ausland eingereicht habe. Kurioserweise habe ich schwarz auf weiß die Erlaubnis der Grönländer, doch sie sind in ihrem eigenen Land selbst so machtlos - alles hängt von den Dänen ab.

Doch man muss für seinen Traum kämpfen. Also habe ich alles in meiner Macht stehende getan, um doch noch die Erlaubnis zu erhalten. Habe die Botschaften und verschiedenen Regierungen kontaktiert, habe den deutschen Honorarkonsul angerufen, habe unzählige Telefonate geführt und Emails geschrieben. Doch nicht alle Kämpfe gewinnt man. Und irgendwann muss man seine Niederlage einsehen, sich mit ihr abfinden, und nach vorne sehen und weitermachen.

Zwei Monate sich einfach treiben lassen

So musste ich im Juli also ausreisen; war gestrandet, in Island. Was sollte ich nun tun? Was sollte ich jetzt machen? Kein Job, keine Arbeitserlaubnis und zwei Monate ohne Plan vor mir. Doch man muss das Beste aus der Situation machen. Ich war in einem Land, von dem so viele berichten, in dem es so viel zu sehen gibt. Also nahm ich erneut meinen Rucksack, stellte mich an die nächste Straße mit erhobenem Daumen und wartete darauf, dass mich jemand mitnehmen möge in die wunderschönen Weiten dieses nordischen Landes.

Zwei Monate bin ich durch Island gereist, immer per Anhalter. Geschlafen? Im Zelt. Gegessen? Vor dem Supermarkt oder am Campingkocher. Der Alltag? Gab es nicht. Jeder Tag war anders als der Vorherige. Klar, man steht jeden morgen auf, packt seine sieben Sachen zusammen und stellt sich an die Straße. Doch alles Weitere kann man nicht planen. Ob man überhaupt einen Meter weiterkommt oder 1.000, was man sehen wird, welchen Menschen man begegnen wird. Diese Art des Reisens ist so unglaublich frei, man überlässt alles dem Schicksal, plant nur den ganz, ganz groben Rahmen. Man setzt Dinge um, von denen man vor ein paar Tagen noch nie etwas gehört hat. Den Laugarvegur wandern? Klar, da bin ich dabei. Per Anhalter durchs Hochland? Ja, wieso nicht. Zelten am Strand neben Eisbergen? Jo, geht klar. Ein Blick auf die Landkarte - und ein neues Ziel war geschaffen. Das Leben ist voller Überraschungen, jeder einzelne Tag ist besonders.

Eis und Schnee

Wie es weiterging? Für Langeweile jedenfalls war kein Platz. So führte mich mein Weg nach Österreich, wo ich an einem Hochtourenkurs teilnahm. In der Seilmannschaft über Gletscher, Sprünge in Gletscherspalten, das "Spiel für große Kinder im Eis". Und es ist magisch. Nur Eis und Schnee, und was man alles dort erleben kann. Ob man jemanden aus einer Spalte rettet, über den Gletscher den Gipfel erreicht, atemlos oben steht auf über 3.000 Meter, oder nur an einem Seil in einer Höhle unter dem Gletscher hängt - nach dem Sprung in ein schwarzes Loch im Boden. Das Eis kann unzählige Formen und Farben annehmen. Es kann tückisch unter einem wegbrechen oder einen halten und das Leben retten. Und seinen Kameraden vertraut man sein Leben an. Es ist nicht nur eine Seilmannschaft, es ist eine Schicksalsgemeinschaft. Nur zusammen kann man sicher den Gipfel erreichen und genauso sicher wieder zurückkehren.

Wie viel ich in diesen wenigen Tagen gelernt habe! Vor allem aber habe ich meine Sehnsucht erneut befeuert - meine Sehnsucht nach Eis, Schnee, Gletschern, Gipfeln, der Weite, dem Abenteuer, dem Leben. Ein Leben im Eis und Schnee.

Sand und Hitze

Größer könnten die Kontraste wohl kaum sein: Vom Eis in den Sand, vom Boot in den Jeep, vom Ende der Welt in die Mitte. Zwei Wochen Oman, inklusive Wüste, Strand und den Sternen über einem. Inklusive Dromedaren, Nomaden, und einer komplett anderen Kultur.

Und eines kann ich sagen: Dieses Land ist großartig. So komplett anders als erwartet. Dort gibt es keinen Krieg, kaum Kriminalität. Auch als Frau kann man ungestört und ziemlich sicher abends durch die Straßen laufen. Das Reisen lehrt einen, wie falsch die eigenen Vorstellungen und Vorteile über andere Länder und Kulturen sein können. Man sollte niemals schlecht über ein Land reden, wenn man nicht selbst schon einmal dort war. Ohne das Land, die Kultur, die Menschen zu kennen, weiß man nicht, wovon man spricht. Jeder sollte sich sein eigenes Bild machen, bevor man das Urteil fällt.

Vier Pfoten und blaue Augen

Und schon geht es weiter: Diesmal wieder in den Norden. Nach Finnland, in das verschneite Wintermärchen-Land. Hier arbeite ich seitdem als Hundeschlittenguide. Fahre jeden Tag mit bis zu 30 Hunden und gutgelaunten Gästen hinaus. Zeige ihnen diese andere Welt, erzähle ihnen die eine oder andere Story über dieses Land, das auf den ersten Blick so ähnlich zu Deutschland erscheint, aber doch so unterschiedlich ist. Die Denkweise, die Handlungen, die Lebenseinstellung. Finnland zählt zwar zu Europa, wir sollten jedoch nicht den Fehler machen, zu meinen, dass Europa gleich Europa ist. Europa ist bunt, vielfältig, anders. Man kann es nicht über einen Kamm scheren.

So erlebe ich hier oben jeden Tag etwas Neues, lerne jeden Tag so viel dazu. Denn es gibt so vieles zu lernen, und welche bessere Möglichkeit dafür gibt es als zu Reisen?

Der Blick nach vorne

Noch zwei Wochen, dann ist die Saison vorbei. Dann ist die Arbeit als Hundeschlittenguide vorbei. Und das erste Jahr meiner großen Reise ist ebenfalls vorbei. Ich durfte so vieles erleben und bin so dankbar dafür.

Was im Jahr Zwei kommen wird? Das ein oder andere steht schon fest, doch zu viel sollte man ja nicht planen. Ich werde meinen Traum weiterhin verfolgen. Ich werde neue Regionen dieser Welt kennen lernen. Ich werde Reisen, aber auch zurückkehren zu Familie und Freunden. Doch nicht ohne den Plan, wieder loszuziehen. Denn hat man einmal diese Box geöffnet, dann kann man sie nicht wieder schließen. Dann muss man immer wieder los: Ins Unbekannte, ins Abenteuer, ins eigene Leben.